
Besprechung vom 14.03.2026
Hände, die nicht schreiben sollten
Jegana Dschabbarowa erzählt in ihrem ersten Roman vom Aufwachsen in einer erzkonservativen aserbaidschanischen Familie in Russland.
Bis ins Mark erschüttern die Schilderungen der psychischen und physischen Gewalt, die Jegana ertragen muss. Dabei artikuliert sie die junge Frau so beiläufig, als seien sie das Normalste auf der Welt. Sie lebt in Sibirien, als Teil der abgeschotteten aserbaidschanischen Diaspora, in der Frauen still zu sein und den Männern zu gehorchen haben. Ihr Leben ist von Scham und Verboten bestimmt. Es fängt schon bei den Augenbrauen an: Sie dürfen nicht gezupft werden, das verbietet Allah als unzulässige Veränderung am Körper. Nur bei verheirateten Frauen wird das toleriert. Noch in der Schule habe sie heimlich zur Pinzette der Mutter gegriffen, um sich ein paar der auffälligsten Härchen zwischen den dichten, schwarzen Brauen zu zupfen, erinnert sich Jegana. Und sie verspürte danach Erleichterung - die Welt brach nicht zusammen, ihr Körper war nicht wertlos geworden.
Jegana heißt die Protagonistin des autofiktionalen Debütromans "Die Hände der Frauen in meiner Familie waren nicht zum Schreiben bestimmt" der Dichterin und Schriftstellerin Jegana Dschabbarowa. Er erschien 2023 im russischen Original und liegt jetzt in eloquenter deutscher Übersetzung von Maria Rajer vor. Dschabbarowa, Jahrgang 1992, die nicht nur denselben Namen wie ihre Protagonistin trägt, sondern wie sie in einer aserbaidschanischen Familie in Sibirien aufwuchs und in russischer Philologie promoviert wurde, lebt inzwischen in Hamburg, wo ihr Roman 2025 im Rahmen der städtischen Literaturpreise in der Kategorie "Buch des Jahres" ausgezeichnet wurde. 2024 musste sie Russland verlassen - als in der Öffentlichkeit stehende queere, migrantische Person und als Gegnerin des russischen Angriffskriegs lebte sie dort in zu großer Gefahr. Sie erhielt Morddrohungen; selbst ernannte "Patrioten" führten Diffamierungskampagnen gegen sie.
In poetischer und zugleich schlichter Sprache gehalten, sind die elf Kapitel des Romans jeweils einem Körperteil gewidmet: Beginnend bei den Augenbrauen, werden sodann die Augen verhandelt - "Nur Männern ist es erlaubt, jemandem direkt in die Augen zu blicken, zornig oder lüstern zu schauen" - und anschließend die Haare, die sich die Protagonistin nicht ohne Erlaubnis ihres Vaters schneiden darf, gelten sie doch als Zeichen der Geduld und Demut und steigern so die Chancen auf eine gute Heirat. Und dann ist da der Mund, der bei den Frauen nicht zum Sprechen bestimmt ist. Nicht zum lauten Sprechen, zum direkten Sprechen mit Männern oder gar Widersprechen, sondern lediglich zum Tratschen darüber, welche andere Frau sich einmal wieder unsittlich verhalten hat oder zum Austausch von Rezepten.
Die wichtigsten Körperteile einer Frau sind die Hände, weiß Jegana: "Sie bereiteten Essen zu, wiegten Kinder, wuschen Wäsche, bügelten Männerhemden, wischten den Boden oder Staub - Frauenhände mussten immer beschäftigt sein, Sorglosigkeit stand nur Männerhänden zu." Ganz sicher sind die Hände der Frauen jedoch nicht zum Schreiben bestimmt. Und so wird das Schreiben für Jegana zu einem stillen Akt der Rebellion.
Was diesen Text auszeichnet, ist vor allem seine feinfühlige Sprache voller überraschender Vergleiche und Metaphern - Frauenaugen, die schwarz und bodenlos sind wie die Kaaba, das Leben in der Diasporagemeinde als Realityshow, der Großvater, der im Gegensatz zu den anderen Männern, die ihre Frauen schlagen, sanft und feinfühlig war wie Bergblumen. Deshalb stören die teils nicht ganz ausgewogen wirkenden Zeitsprünge und die Wiederholungen, die primär der nicht linearen Form des unkonventionellen Erzählens entlang der Körperteile geschuldet sind, nicht weiter.
In die Erinnerungen an das Aufwachsen in einem restriktiven familiären Umfeld, aber auch in einer stark von Rassismus geprägten russischen Mehrheitsgesellschaft - die Protagonistin schildert, wie sie als junges Schulmädchen von ihren Mitschülern rassistisch beschimpft und geschlagen wird und einmal sogar vor Skinheads fliehen muss -, ist eine fortschreitende Krankheitsgeschichte verwoben. Jegana erhält die Diagnose einer schweren Dystonie, die ihre Muskeln unkontrolliert verkrampfen lässt. Paradoxerweise befreit sie dieses Leiden, das sie körperlich einschränkt, von den durch ihre Familie ausgeübten Zwängen: Denn in einem solchen Zustand ist sie ohnehin nicht zur Heirat geeignet.
Jegana Dschabbarowas Hände hätten nicht schreiben sollen und haben vielleicht gerade deshalb einen zutiefst bewegenden Text geschaffen, der zum Mitleiden einlädt. In der Zwischenzeit hat die Autorin noch zwei weitere von ihrer Familiengeschichte inspirierte Romane verfasst: "Dua für einen Ungläubigen" (2024) und "Terra nullius" (2025). Man darf gespannt auf die Übersetzungen sein. YELIZAVETA LANDENBERGER
Jegana Dschabbarowa: "Die Hände der Frauen in meiner Familie waren nicht zum Schreiben bestimmt". Roman.
Aus dem Russischen von Maria Rajer. Paul Zsolnay Verlag, Wien 2025. 140 S., geb.
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