
Lange erzählten Historiker der Bundesrepublik Geschichten von wachsendem Wohlstand, Modernisierung, erlernter Liberalität und stabiler Demokratie. Deutschland schien »im Westen« angekommen. Die Herausforderungen der Gegenwart aber verändern unseren Blick auf die jüngere Vergangenheit: Klimawandel, neuer Nationalismus, Ungleichheit und zunehmende Gewalt im politischen Alltag führen vor Augen, was mit diesen Geschichten nicht stimmte - und was sie nicht erzählten. Mit Blick auf zentrale Themen der Zeitgeschichte präsentieren renommierte Historiker:innen in diesem Band neue Perspektiven auf die bundesdeutsche Geschichte seit 1945.
Besprechung vom 25.03.2026
Vorbei die Zeit der Mythopoeten
Eine Geschichte der Bundesrepublik in Stichworten
Die Geschichte der Bundesrepublik, immerhin die stabilste und ausdauerndste moderne Verfassungsordnung, die es je in Deutschland gab, steht seit ihrer Etablierung unter Verdacht. Die Bonner Republik wurde von rechts in den Fünfzigerjahren als "Land ohne geistigen Schatten" geschmäht, blieb mit dem Makel des Provisoriums behaftet, und erst langsam hat sich die Verwunderung über das Gelingen der Demokratie positiv niedergeschlagen. Spätestens seit den Achtzigern konnte man selbstbewusst auf eine Erfolgsgeschichte zurückblicken. Sogar die kritische Linke lobte die "vorbehaltlose Öffnung gegenüber der politischen Kultur des Westens" (Jürgen Habermas). Schließlich machte der Vergleich zur DDR, der ihre Bürger davonliefen, eine Siegerpose plausibel, die durch den Mauerfall historisch validiert schien.
Die Königsdisziplin der Nationalgeschichte war meist Männersache: Historiker affirmierten die Ankunft im Westen (Axel Schildt, Heinrich August Winkler), inkludierten 1968/69 als geistige Umgründung (Manfred Görtemaker) und freuten sich über die "geglückte Demokratie" (Edgar Wolfrum). Auch deswegen ist es höchst erfreulich, dass diese neue Bestandsaufnahme der deutschen Geschichte von zwei Historikerinnen herausgegeben wurde und geschlechterparitätisch besetzt ist.
"Neue Wege zu einer Geschichte der Bundesrepublik" beschreitet der Sammelband von Claudia C. Gatzka und Sonja Levsen vor allem in thematischer Hinsicht. Er folgt dem allgemeinen Trend zur Pluralisierung und Ausdifferenzierung: Die erfolgreiche Liberalisierung soll als sogenannte "Meistererzählung" - eigentlich ein befremdlicher Begriff - ad acta gelegt werden; komplexe Verflechtungsgeschichten, Austauschbeziehungen, intersektionale Betrachtungsweisen, Ambivalenzen und Konflikte sollen an ihre Stelle treten. Mit ihnen wollen die Herausgeberinnen den Eindruck der Linearität vermeiden und gegen eine Romantisierung bundesrepublikanischer Vergangenheit imprägnieren.
In der Tat gelingt es manchen der Autoren, mit jeweils nur einem Begriff interessante Schneisen durch die bundesrepublikanische Geschichte zu schlagen. Felix Römer konterkariert mit Recht die Legende von der nivellierten Mittelstandsgesellschaft mit einer Problematisierung wachsender sozialer Ungleichheit; Sonja Levsen wirft erhellende Blicke auf die Gewaltphänomene in einer vermeintlich pazifizierten Gesellschaft, wo in Familie und Erziehungsinstitutionen sowie in öffentlichen Räumen Züchtigungen exekutiert und Aggressionen freigesetzt wurden; Sina Fabians Untersuchung zum Autofahren als spezifisch deutschem Fetisch legt die Wurzeln einer irrwitzigen Verkehrspolitik frei. Die politisch korrekte Hinzuziehung von "Gender" (Jane Freeland), "Race" (Nadja Klopprogge), "Queer" (Benno Gammerl) und "Migration" (Lauren Stokes) ist zwar begrüßenswert, aber doch weitgehend überraschungsfrei. So gewunden und widersprüchlich sich der deutsche Umgang mit Minderheiten ausnimmt - gerade auf gesellschaftlicher Ebene hat sich das in Zweifel gezogene Liberalisierungsnarrativ doch einigermaßen gut gehalten.
Methodisch markieren die Herausgeberinnen selbstbewusst den Abschied von einer als konventionell empfundenen politischen Zeitgeschichte. Beim Lesen hat man das Gefühl, dass die großen Alten der jüngeren Zunft nur noch als verirrte Stichwortgeber taugen. Sicherlich, Heinrich August Winkler war kein Pionier in Sachen Queerness-Forschung, aber weder kann man ihm den Sinn für historische Ambivalenzen absprechen noch die Fähigkeit, auf Niveau für gebildete Leser zu schreiben. Das lässt sich für heutige Wissenschaftsprosa nicht wirklich sagen: "Wandel in der Bundesrepublik war fragil, umkämpft, brüchig, manchmal wellenförmig oder zyklisch, nie unumkehrbar und in aller Regel ambig." Welche Erkenntnis mag sich in Sätzen wie diesem verbergen?
Bemerkenswert ist auch, dass im Band stets die Missachtung der DDR-Geschichte kritisiert wird, aber etwa die bis heute beeindruckende deutsch-deutsche Geschichte von Peter Graf Kielmansegg, die schon vor 25 Jahren bequemen Erfolgsgeschichten skeptisch begegnete, nirgends Erwähnung findet. Die DDR selbst wird, anders als einleitend postuliert, keineswegs in allen Artikeln berücksichtigt. Bisweilen erstaunt auch, mit welcher Nonchalance der Band Antikommunismus als Anachronismus aburteilt, ohne sich die Fronten im Kalten Krieg bewusst zu machen.
Rätselhaft ist bei vielen Beiträgen auch der Ort des Normativen. Untergründig scheinen die Autoren in Pluralisierung und Liberalisierung weiterhin die wichtigsten Leitplanken zu sehen. Wie es aber geschehen konnte, dass sich ein großer Teil der Gesellschaft von Identitätspolitik und Willkommenskultur abgewandt und autoritären und antiliberalen Auffassungen zugewandt hat, dafür scheint der Blick in die Vergangenheit den beteiligten Historikern kaum Anleitung zu liefern.
In den Ausführungen gibt es immer wieder viel Interessantes zu entdecken, doch fügen sich die Beobachtungen zu keinem Bild zusammen. Die Stärke der präsentierten Ansätze scheint vielmehr in der Dekonstruktion zu liegen, der ein neues Vertrauen in die Geschichtswissenschaft als Lieferant für Detailkenntnisse zugrunde liegt. Vorbei die Zeit, als man in Historikern auch Erzähler und Mythopoeten sah. Aber liegt die Lösung für das Problem der vereinheitlichenden Nationalgeschichtsschreibung wirklich darin, auf jede Bilanz zu verzichten, Synthesen und übergreifende Deutungsversuche generell zu verabschieden?
Die Tendenz zur Stichwortgeschichte bringt auch eine gewisse Austauschbarkeit der untersuchten gesellschaftlichen Prozesse mit sich. Sich den klassischen Gegenständen der hohen Politik, dem Parteienwesen oder der Parlamentsarbeit zu widmen, ist trotz der damit einhergehenden Konventionalität unvermeidlich, wenn man die Entwicklungen der bundesrepublikanischen Demokratie verstehen will. Vergeblich sucht der interessierte Leser zudem auf über 500 Seiten nach irgendeinem Hinweis auf kulturelles Leben - von Literatur, Theater, Kunst, Musik, Universitäten und Wissenschaft oder Medien fehlt jede Spur. Welche Rolle Ideen, Begriffe, Zukunftshoffnungen oder -ängste spielen, bleibt ebenso im Dunkeln wie die Rolle der Religion - sowohl hinsichtlich der abnehmenden Bindekraft christlicher Kirchen, der Gefährdung des Judentums als auch der wachsenden Bedeutung des Islams.
Diese blinden Flecken lassen die präsentierte bundesdeutsche Geschichte seltsam unmöbliert zurück, zumal die Beiträge selbst eher Forschungslücken markieren und Forschungsagenden ankündigen, statt Quellen zu präsentieren oder wirklich Neues zu liefern. Nach der Lektüre lässt sich darum kaum sagen, dass die Geschichtswissenschaft auf dem Weg zu einem neuen Gesamtverständnis der deutschen Geschichte ist. Man muss vielmehr hoffen, dass sie sich im Staunen über gesellschaftliche Komplexität nicht völlig marginalisiert. JENS HACKE
"Neue Wege zu einer Geschichte der Bundesrepublik".
Hrsg. v. Claudia C. Gatzka und Sonja Levsen. Suhrkamp Verlag, Berlin 2025. 534 S., br.
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