
Als Donald Trump zum ersten Mal Präsident wurde, ging ein Richard Rorty zugeschriebenes Zitat viral: Wenn die »kulturelle Linke«, so Rorty 1998, materielle Fragen weiterhin ignoriere, werde es einen Bruch geben - »something will crack«. »Ärmere Wähler« würden einen starken Mann an die Macht bringen, es drohe eine Rückkehr des Sadismus. So hellsichtig diese Prognose war, hat derFokus auf die »woken« Linken und die »Verlierer« in Debatten über Trump & Co. doch einen blinden Fleck erzeugt. Geht man davon aus, dass Politiker wie Trump, Tino Chrupalla oder der tschechische Ministerpräsident Andrej BabiS sich auch selbst wählen, kommt schließlich eine andere »Klassenfraktion« in den Blick: konservative Männer, die ihr eigenes Unternehmen leiten. Aus diesem Milieu stammen nicht nur Vorläufer wie Silvio Berlusconi und Christoph Blocher, sondern auch Unterstützer wie etwa Elon Musk oder Peter Thiel. Genau diese Gruppe der kleinen und großen politischen Unternehmer nehmen die Beiträge in diesem Band unter die Lupe. Verfolgt wird dabei testweise die These, dass der Rechtspopulismus nicht in erster Linie eine spontane Revolte »ärmerer Wähler« darstellt, sondern ein gezielt vorangetriebenes Projekt.
Besprechung vom 14.03.2026
Ist das nicht eine seltsame Koalition?
Heinrich Geiselberger versammelt Antworten zu der Frage, warum ausgerechnet Industriearbeiter und Kapitalisten zu den wichtigsten Unterstützern rechtspopulistischer Parteien gehören. Welche Weltsicht schweißt die beiden zusammen?
Von Oliver Weber
Um eines vorwegzuschicken: Dieser Sammelband leidet nicht unter dem Problem, unter dem sonst viele Sammelbände leiden. Die insgesamt sieben Beiträge passen zueinander. Obwohl sich die Ansätze erheblich unterscheiden, gibt es von der Einleitung bis zum Schlussaufsatz so etwas wie einen roten Faden. Keiner der Autoren schert aus - wie das Sozialwissenschaftler gern tun, wenn sie eigentlich nur ein äußerer Anlass, etwa eine gemeinsame Konferenz, zwischen zwei Buchdeckel gepresst hat.
Heinrich Geiselberger - als Lektor bei Suhrkamp für viele wichtige Neuerscheinungen der vergangenen Jahre zuständig - kennt die blinden Flecken der öffentlichen Diskussion um den Aufstieg des Rechtspopulismus. Seit 2016, so schreibt er in seiner kundigen Einleitung, würde darüber geschrieben, dass erhebliche Segmente der weißen Arbeiterschicht der demokratischen Partei in den USA und den Sozialdemokraten in Westeuropa abhandengekommen seien, um jetzt ihre Stimme Trump, Le Pen oder Meloni zu geben. Weniger Beachtung, so Geiselberger, finde dagegen die seltsame Koalition, die dabei entstanden sei. Eine Koalition, bei der Blue Collar Worker glauben, an demselben politischen Projekt zu arbeiten wie der Multimilliardär Elon Musk oder der Hedgefonds-Manager Robert Mercer. Diesen seltsamen Umstand zu erklären, ist ein verfolgenswertes Ziel.
An Komposition und Thema kann es also nicht liegen, dass nach Lektüre des Bandes der Erkenntnisgewinn dennoch nicht besonders üppig ausfällt. Bis auf wenige Ausnahmen enttäuschen die in den Beiträgen präsentierten Antworten. Der Journalist Tobias Moorstedt etwa führt den Leser durch den Nordosten Baden-Württembergs, um die Abstiegsängste zu erklären, von der die mit Weltmarktführern gepflasterte, aber um ihr Geschäftsmodell bangende Region heimgesucht wird. Eindrucksvoll beschreibt der Beitrag, wie eng Unternehmerfamilien, Betrieb und Gemeinde verflochten sind, wie schnell sich also Meldungen über schlechte Bilanzzahlen in das soziale Gefüge ausbreiten, den Blick der Bewohner auf die Welt und ihre persönliche Zukunft prägen. Doch genau dort, wo es spannend würde, begnügt sich Moorstedts Reportage mit der Evidenz ihrer szenischen Beschreibungen, statt genauer nachzuforschen. An welchem Punkt und aus welcher Ursache verbindet sich die - berechtigte - Sorge um Energiekosten, Absatzmärkte und Fachkräftemangel mit der diffusen Schelte einer angeblichen linken Elite, die Deutschland mit Regenbogenfahnen überziehe, einer Klimareligion opfere und am liebsten den Islam zur neuen Staatsreligion erklären würde? In welchem näheren Zusammenhang stehen die zunächst wirtschaftsliberalen Befürchtungen mit den unklaren, rechtspopulistischen Feindbildern? Die hübsche Wortschöpfung "Weltkleinbürger", die zur Begründung aufgeführt wird, hätte vielleicht etwas zu bieten gehabt - "Hidden Champion" einerseits, andererseits mit den Kräften der Globalisierung fremdelnd -, bleibt aber ein unausgeführtes Versprechen.
Leider vermögen auch die anderen Autoren nicht viel mehr beizusteuern. Die Kulturwissenschaftlerin Moira Weigel ("Elitärer Anti-Elitismus") begnügt sich weitgehend damit, die lange Geschichte libertärer und rechtspopulistischer Netzwerke nachzuerzählen, die man etwa bei Quinn Slobodian ("Hayek's Bastards") oder Laura K. Field ("Furious Minds") schon stringenter gelesen hat. Auch Thomas Biebrichers kleine "Genealogie des libertären Patrimonialismus" fügt dem Bild nichts Grundsätzliches hinzu, sieht man von der schönen Trouvaille des Poujadismus ab, einer kleinbürgerlichen Protestbewegung im Frankreich der Fünfzigerjahre, die in mancherlei Hinsicht als Vorläufer heutiger rechtspopulistischer Parteien gesehen werden kann.
Die Ausführungen des sonst so lesenswerten politischen Theoretikers Anton Jäger (zuletzt: "Hyperpolitik") sind leider nicht viel mehr als eine Theorie-Skizze; den Rechtspopulismus als die Folge einer krisenbedingt schwächeren Bindung bestimmter Kapitalfraktionen an ihre ideellen Vertreter - Journalisten, Wissenschaftler, Politiker - zu beschreiben, klingt vielversprechend, bleibt aber überwiegend blutleeres Begriffsbesteck.
Melinda Coopers Erkundung des "Familienkapitalismus" wiederum sind zwar etwas zu journalistisch geraten, bieten aber immerhin eine seltene Perspektive: Interessant ist ihr Versuch, die aus der Tea-Party gespeiste MAGA-Bewegung als einen "Aufstand der Vertreter einer bestimmten Form des Kapitalismus gegen die einer anderen" zu deuten, also als "eine Revolte der privaten, nicht eingetragenen und familienbasierten Unternehmen gegen börsennotierte Konzerne im Besitz einer Vielzahl von Aktionären". Schon seit einigen Jahren zeichne sich nämlich ab, so Cooper, dass die oft als Automatismus missverstandene Tendenz weg vom inhabergeführten Unternehmen hin zum "rationellen" Betrieb, in dem Eigentum und Management voneinander getrennt sind, gebrochen sei. Viele Start-ups, Techkonzerne, Private-Equity-Firmen und Wagniskapitalgesellschaften würden inzwischen von dominanten Einzelpersonen geführt, die ihre Stellung teilweise auf Lebenszeit oder sogar darüber hinaus zementiert hätten.
Ähnlich interessant sind auch Lukas Hafferts Ausführungen. Sein Beitrag untersucht sozialstatistisch die außergewöhnlich hohe AfD-Wahlneigung von Selbständigen. Diese ist umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, dass nur Industriearbeiter ähnlich stark zur AfD tendieren: Man könnte meinen, dass die in Großgruppen vollzogene, mit Lohn vergütete händische Produktionsarbeit wenig gemein hat mit den Erfahrungen, die ein Kleinunternehmer in seinem täglichen Geschäft macht. Haffert erklärt diese seltsame Koalition über eine gemeinsame Ideologie, die die Welt in "Macher" und "Nehmer" unterteile, wobei die "Nehmer" - Politiker, Bürokraten, Arbeitslose, Migranten - den "Machern" auf der Tasche lägen.
Überschaut man die Ergebnisse des Bandes, so fragt man sich, warum die mitunter interessanten Einzelheiten nicht zu einer interessanten Gesamtansicht zusammenfließen. Moorstedts reportagehafter Blick, Hafferts Sozialstrukturanalyse und der von Geiselberger eingangs geschilderte Ansatz, den Rechtspopulismus nicht pauschal dem Kapitalismus anzulasten, sondern nach den realen und ideellen Interessen verschiedener "Kapitalfraktionen" und Arbeiterschichten zu fragen, hätten zusammengenommen eine phantastische Monographie ergeben. Die deutsche Sozialgeschichte leistete für das neunzehnte Jahrhundert genau das: Sie verknüpfte die Beschreibung der Lebenswelt gefährdeter Milieus mit der Analyse der produktionsbedingten Veränderungen der Sozialstruktur. So etwas macht Arbeit - mitunter kostet es ein ganzes Forscherleben. Die Ergebnisse würden das bloße An-Denken des Phänomens, wie es dieser Band bietet, aber höchstwahrscheinlich bei Weitem übertreffen.
Heinrich Geiselberger (Hrsg): "Oben rechts". Rechtspopulismus als Klassenprojekt.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2026.
271 S., br.
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