Umfangreiche und anspruchsvolle Lektüre, die zum Nachdenken anregt.
In den Wäldern des Naturreservats der wohlhabenden und bekannten Familie Van Laar hat sich ein schreckliches Ereignis zugetragen: Der kleine Sohn der Familie ist dort spurlos verschwunden. - Doch das Verschwinden des Jungen ist nicht das einzige Rätsel, das die Familie umgibt. Als es Jahre später erneut zu einem weiteren unerklärlichen Vorfall kommt, nimmt eine junge Ermittlerin die Spur auf. Ungeachtet der Tatsache, dass sie in einer ausgewiesenen Männerdomäne tätig ist, das auch zu spüren bekommt, und ihr auch sonst unzählige Steine in den Weg gelegt werden, lässt sie sich nicht beirren und führt Leser:innen in das undurchdringliche Terrain der elitären High Society sowie die in die Mysterien der Adirondack-Wälder. Es ist schwer, eine Rezension über dieses Buch zu verfassen, ohne zu viel seines Inhalts zu verraten. Vorweg: Den großen Hype aus dem Sommer 2025 kann ich nicht ganz mittragen. Die Idee ist gut, die angesprochenen Themen allesamt wichtig und sehr gut (!) aufbereitet. Insbesondere die gesellschaftliche Dimension, Vorurteile und das Hinterfragen eigener Normen und Grundeinstellungen haben mir sehr gut gefallen. Weniger positiv möchte ich die Länge, die Vielzahl der Charaktere und die sehr vielen Zeitebenen anführen. Nicht falsch verstehen, ich lese gerne auch sehr dicke und inhaltlich anspruchsvolle Bücher. Bei diesem wäre etwas weniger Seitenumfang der Story und der Kraft dahinter jedoch nicht abträglich gewesen und hätte ggfs. zudem eine bessere Orientierung innerhalb der zig Zeitebenen und unzähligen Charaktere gegeben. - Wer dieses Buch nicht mehr oder minder am Stück oder zumindest in einem engen zeitlichen Zusammenhang lesen kann, dürfte nur sehr eingeschränkt Freude damit haben. Auch ist mir aufgefallen, dass innerhalb der Kapitel die Tempora teilweise nicht stringent zur Anwendung kommen. Fällt ein Satz noch im Präsens, also dasagtjemand etwas im Hier und Jetzt, erhält die Person die Antwort im Präterium, also in der Vergangenheit, weil jemandantwortete, statt antwortet. Üblicherweise bin ich hier nicht so streng, aber wenn eine Autorin und ein Verlag seinen Leser:innen sieben (!) Zeitleisten zumuten (und dabei zähle ich alles ab August 1975 als eine Zeitleiste, es könnten auch weitere sieben hinzukommen, hätte ich die Tage einzeln gelten lassen), sollte auch die Grammatik konsequent sitzen - insbesondere beim C.H. Beck-Verlag. Warum gebe ich dem Roman (weniger ein Thriller, wie ich finde), nun doch vier Sterne? Weil das Setting toll gewählt und für mich sehr glaubhaft und anschaulich beschrieben wurde. Weil Liz Moore wichtige Themen anspricht und essenzielle Fragen aufwirft. Weil ich die kontroversen und vielseitig gezeichneten Charaktere grandios fand. Und weil nicht immer alles rundum perfekt sein muss, um gut oder sehr gut zu sein.