Jeder sollte dieses Buch lesen. Wirklich jeder. Es ist ein Buch das aufrüttelt, wütend macht und etwas in Bewegung bringt. "Tochter des Regenwaldes" ist für mich ein absolutes Highlight, ein Buch, das nicht einfach nur eine Geschichte erzählt, sondern Haltung zeigt.Nemonte Nenquimo nimmt uns mit in ihre Kindheit und ihr Aufwachsen bei den Waorani, einer indigenen Gemeinschaft im ecuadorianischen Regenwald. Ich fand es unglaublich faszinierend, von ihren Traditionen, ihrem Glauben und vor allem von ihrem über Generationen gewachsenen Wissen über die Natur zu lesen. Für die Waorani ist der Regenwald kein Rohstofflager und keine Ware, sondern Heimat, Lebensgrundlage und Zukunft. Und plötzlich wird einem sehr deutlich vor Augen geführt, wie wenig wir eigentlich verstehen von einer Welt, über die wir uns trotzdem anmaßen zu verfügen.Denn dann prallen diese Welten aufeinander: das Wissen und die Lebensweise der Waorani auf wirtschaftliche Interessen, Ölkonzerne und eine Politik, die den Regenwald zur Ressource erklärt. Menschen werden verdrängt, Lebensräume zerstört, Natur ausgebeutet und all das wird unter dem Deckmantel von Fortschritt und wirtschaftlichem Nutzen verkauft. Es ist schwer, darüber zu lesen, ohne wütend zu werden.Doch Nenquimo bleibt nicht bei der Wut. Sie kämpft. Mit beeindruckender Entschlossenheit stellt sie sich gegen die mächtigen Ölkonzerne und die ecuadorianische Regierung. 2019 gelingt ihr gemeinsam mit anderen ein spektakulärer Sieg. Mehr als 200.000 Hektar Regenwald der Waorani werden vor der Ölförderung geschützt. Für mich ist das eine der stärksten Botschaften dieses Buches, nämlich dass man sich nicht damit abfinden muss, dass die Mächtigen immer gewinnen. Widerstand kann etwas bewegen.Fassungslos gemacht haben mich auch die Passagen über die Missionare. Wie selbstverständlich eine fremde Kultur für minderwertig erklärt und versucht wird, Menschen ihren Glauben, ihre Traditionen und ihre Identität zu nehmen. Diese Mischung aus Arroganz und Scheinheiligkeit hat mich richtig wütend gemacht. Wer gibt uns eigentlich das Recht, anderen Menschen vorzuschreiben, wie sie zu leben und woran sie zu glauben haben?Und genau diese Wut ist eine der großen Stärken des Buches. Es lässt einen nicht bequem zurück. Es führt uns vor Augen, wie selbstverständlich wir mit der Zerstörung unserer eigenen Lebensgrundlage umgehen. Wir roden, fördern, verbrauchen und verdrängen und tun gleichzeitig so, als stünde die Natur uns zur Verfügung. Vielleicht sollten wir endlich aufhören zu glauben, wir stünden über ihr.Nach der letzten Seite bleiben bei mir deshalb vor allem Demut und Kampfgeist. Demut vor dem Wissen der Waorani. Und Kampfgeist, weil Nemonte Nenquimo zeigt, dass man sich wehren kann. Dass eine einzelne Stimme lauter werden kann. Dass Widerstand Wirkung haben kann.Wir müssen nicht alle Aktivisten werden. Aber wir können hinsehen. Hinterfragen. Widersprechen. Unsere Stimme erheben. Und wir können uns weigern, Zerstörung als Normalität hinzunehmen.Dieses Buch ist ein Weckruf. Es macht wütend und genau deshalb macht es Mut. Mut, nicht wegzusehen. Mut, unbequem zu werden. Mut, sich einzumischen.Nemonte Nenquimo kämpft für ihre Heimat. Und damit letztlich für uns alle.