Schon der catchy Klappentext hatte mich sofort neugierig gemacht: Ein ermordeter Schuldirektor, drei verdächtige Schüler und eine Geschichte, die Stück für Stück aus verschiedenen Blickwinkeln zusammengesetzt wird ... das klang nach einem spannenden Jugendthriller mit Tiefgang. Wer hat Kenneth Moore wirklich getötet - und warum? Die Grundidee fand ich mega interessant, denn nicht nur die Tat selbst steht im Mittelpunkt, sondern auch die Frage, wie Vorurteile entstehen und wie schnell Menschen sich ein Urteil bilden.Schon die ersten Seiten fügen sich zu einem Mosaik aus Stimmen zusammen, das ebenso fesselnd wie verstörend ist: Zeitungsberichte, Zeugenaussagen und Befragungsprotokolle ... Jeder glaubt zu wissen, was passiert ist - doch jede Perspektive erzählt eine andere Geschichte. Was als Mordfall beginnt, entwickelt sich zu einer tiefgehenden Auseinandersetzung mit Schuld, Vorurteilen und gesellschaftlicher Ungleichheit.Besonders auffällig: die Erzählweise mit den vielen (und ich meine: extrem vielen) unterschiedlichen Perspektiven. Einerseits kreativ - man bekommt einen umfassenden Einblick in die Welt der Figuren, nicht nur aus Sicht der drei Hauptpersonen, sondern auch durch sämtliche Stimmen aus ihrem Umfeld: von Mitschülern über Lehrkräfte bis hin zu Menschen aus dem Viertel. Dadurch entsteht ein vielschichtiges Bild der Ereignisse - ein Puzzle aus Wahrnehmungen und Halbwahrheiten, das sich langsam zusammensetzt.Gleichzeitig waren es für meinen Geschmack einfach zu viele Perspektiven. Obwohl die etlichen Stimmen interessant waren, fiel es mir schwer, eine echte Nähe zu den Hauptcharakteren aufzubauen. (Generell bin ich mit einigen Figuren emotional nicht warm geworden. Sie wirkten bewusst schwierig angelegt - was faktisch sicher gut zur Geschichte passt, trotzdem hätte ich mir unterm Strich Protas gewünscht, zu denen man irgendwann, irgendwie eine stärkere Verbindung aufbauen kann.)Während der Lektüre kam mir mehrfach der Gedanke, dass der Stoff sich hervorragend für eine Verfilmung eignen würde. All die Perspektiven und Geheimnisse sind doch wie gemacht für spontane Szenenwechsel und visuelle Hinweise. Ich sag es frei heraus: In meinen Augen würde die Handlung als Film deutlich intensiver wirken.¿¿¿¿¿:Eine kreative, tiefgründige Story über Wahrheit & Wahrnehmung, Bildung & Macht (und darüber, wie schnell wir bereit sind zu glauben, dass wir jemanden kennen), die vor allem durch ihre Vielstimmigkeit besticht und sich daher speziell für Leser:innen eignet, die ungewöhnliche Erzählweisen mögen.