Spoilerfreie Meinung¿Wenn man ein Buch sucht, das die Reihe im World-Building und in der Handlung voranbringt, einen emotional abholt und man bei einem unvorhersehbaren Ende vielleicht das Buch fallen lässt, dann ist es dieses hier. Der Schreibstil der Autorin hat mich in "Restore Me" genauso abgeholt, wie im ersten Band. An keiner Stelle des Buches fühlte ich mich gelangweilt. Man findet sehr schnell wieder in die Handlung hinein. Offene Fragen der vergangenen Bände werden beantwortet, neue werden aufgeworfen. Auch wenn es den einen oder anderen Charakter gibt, der mich manchmal aufregt, lässt dieses Buch genau diesen Spielraum offen und bewertet Figuren nicht. Sondern lässt uns Lesenden den Raum für Fantasie.Achtung, ab hier folgen Spoiler¿Setting¿¿¿¿,5In diesem Teil erfährt man viel mehr über den Aufbau der Welt. In den ersten Büchern war der Fokus nur auf Nordamerika. Das Reestablishment hat die gesamte Welt übernommen. Einige Befehlshaber werden vorgestellt und die Verbindungen sichtbar gemacht. Dadurch fühlt sich die gesamte dystopische Welt sehr viel realer an. Man kann mit den Charakteren mitfühlen, weil man in die Illusion geführt wird, alle Informationen zu haben. Auch die Unberechenbarkeit des Klimas auf der Welt zieht eine Parallele zur Realität: "Es schneit, wenn es nicht schneien sollte, regnet, wann es früher nie möglich war." Man lernt soviel über die Welt und trotzdem ist hinsichtlich der weiteren Bände noch Entwicklung des Settings möglich.Charaktere¿¿¿¿ JulietteSie ist sehr empathisch trotz ihrer Lebensgeschichte. Und das macht sie für mich so zugänglich und sympathisch. Durch ihre neue Position ist mit alten Ängsten, ihrer Vergangenheit und neuen Erkenntnissen wieder konfrontiert. Ich konnte nachvollziehen, warum sie z.B. geflohen ist. Sie ist gerade mal siebzehn Jahre alt. Deshalb fand ich die Darstellung ihrer Entwicklung toll. Als sie sich betrinkt und ihre Haare abschneidet, hatte ich Sorge, in was für eine Krise sie das beim Nüchternwerden befördern könnte. Aber stattdessen gab es eine tolle Szene: "Denn zum ersten Mal in meinem Leben gefalle ich mir selbst richtig gut." Für mich war das sehr berührend zu lesen. Solche Momente gab es bei ihr viele. WarnerWarner ist für mich ein graues Tuch, das ich in einigen Momenten verstehen kann und in anderen Momenten würde ich ihm gerne meine Meinung sagen. Aber genau das macht ihn als Charakter für mich so spannend, denn aus meiner Perspektive wäre beides realistisch: Er wird bis ans Ende der Bücherreihe an der Seite von Juliette kämpfen ODER ich erlebe in dieser Hinsicht noch einen Plot-Twist.Rede mit ihr!Warner ist sich bewusst, dass Juliette nicht weiß, mit wem sie es zu tun hat. Ich verstehe, warum er nicht eingreifen will. Er möchte Juliette das Gefühl geben, dass sie es alleine schafft und seine Hilfe nicht benötigt. Fakt ist aber, dass er aktiv die Strukturen des Reestablishment miterlebt hat. Warner weiß auch, dass er mehr Informationen hat. Für mich fühlt sich das wie ein Widerspruch an. Denn einerseits gibt er ihr nicht alle Mittel an die Hand, andererseits möchte er sie überall unterstützen. Das denkt er sich sogar: "Weil ich mir eingebildet habe, sie käme zurecht, bräuchte nicht täglich Ermutigung, Beistand, Ratschläge von mir." Aber es geht nicht darum, dass sie ihn als Person als Unterstützung braucht. Sie braucht nur das Werkzeug dazu. So wirkt es leider eher so, als möchte er nicht an seine Vergangenheit erinnert werden, obwohl es Juliette weiterhelfen würde. Das zeigt sich zum Beispiel, als Castle ihn verzweifelt darum bittet, Juliette aufzuklären. Seine gedankliche Antwort: "Aber ich konnte mich nicht dazu aufraffen." Er wusste, dass sie eine Schwester hat. Und hat es ihr nicht gesagt. Noch nicht einmal, als er zu Beginn Vertrauen aufgebaut hat. Und als er dann darüber nachdenkt, ihr davon zu erzählen, überlegt er aber gleich mit, wie er seine Rolle vertuschen kann. Als er ihr es dann endlich erzählt und sie verständlicherweise wütend reagiert, nennt er sie durchgehend in diesem Gespräch "Süße". Vor dem Gespräch beteuert er, ihr nur den Schmerz ersparen zu wollen Er hat Sorge, dass sie denkt, dass er ihr nicht mehr zutraut. Für mich trägt dieses Wort mehr zur Untergrabung ihrer Autorität bei, als wenn er ihr die Informationen einfach gegeben hat.Sei kein Arschloch!Er sieht seine Schuld, erkennt sich als "Arschloch" an. Trotzdem verhält er sich später wie eines, z.B. indem er Adam fragt, ob er James von ihm entfernen kann. Es wirkt einfach sehr herzlos, mit Warners Wissen, dass James sein Bruder ist. Warner hat Momente, in denen er das anerkennt. Aber der Prozess geht nur langsam und stetig voran. Für mich trifft es Kenjis Zitat zu Warner auf den Punkt: "Du legst dir lebenslanges Leiden zu, Bro. So kannst du einfach nicht weitermachen. Das hier [...] dein altes Ich. Dieser kaputte Typ, der nicht reden will und nie lächelt und jemandem was Nettes sagt und so auf Distanz bleibt, dass niemand eine Chance bekommt, ihn näher kennenzulernen. So kannst du nicht bleiben, wenn du eine Beziehung haben willst." Außerdem fügt Kenji an, dass er selbst Juliette wenig erzählt. Noch nicht einmal von seiner Ex-Freundin, bei der Warner sich sicher ist, dass sie zu Besuch kommt. Auch das vergangene Verhalten gegenüber Lena macht ihn für mich noch viel unsympathischer. Du machst über ihre Mutter mit ihr Schluss? Nach 2 Jahren? Weil du es für effizienter hieltest? Es ist in der Vergangenheit, ja. Er sollte den kalten Führer spielen. Aber es hat nicht den Anschein, als würde er es bei ihr heute anders machen. Aber vielleicht täusche ich mich.Komm, ich umarm dich!Trotz all meinen negativen Gedanken über Warner muss ich ihm zugutehalten, dass er sich um Juliette wirklich gut kümmert. Als sie sich betrinkt, ist er für sie da und nutzt ihren Zustand auch nicht aus, obwohl Juliette ihn darum bittet. Außerdem wurde er durch seine Gefühle über den Tod seines Vaters nahbarer. Die Ambivalenz, die er spürt, konnte ich mitspüren.KenjiIn schwierigen Lebenszuständen passiert es häufig, dass man Vergangenheiten verklärt und als "die gute alte Zeit" erinnert. Auch Juliette tut das. Kenji fängt das auf und meint: "Ich weiß nicht, an was du dich zu erinnern glaubst, J , aber früher war kaum irgendwas besser als jetzt," . Er erzählt ihr von der rassistischen Welt von davor, die die Übernahme des Regimes möglich machte.Ich kann verstehen, warum er sich in Nazira verliebt. Nicht nachvollziehen kann ich sein Verhalten. Warum greift er einfach an ihr Kopftuch? Gut, dass Nazira da gleich Grenzen setzt. Trotzdem mag ich die Chemie zwischen Nazira und Kenji sehr. NaziraEine Frau, die für ihre Werte einsteht. Ich fand sie von Beginn an sympathisch. Die Diskussion um das Kopftuch fand ich sehr interessant, denn die Debatte findet auch in der Realität statt. Das schönste Zitat in diesem Buch war für mich: "Männer, sagte sie, haben immer viele Meinungen über die Kleidung von Frauen. Etwas bedecken, etwas nicht bedecken, sie wedelt mit der Hand, man wird sich nicht einig."Sie ist für Juliette da und gibt ihr einige Informationen, die Warner ihr längst hätte geben können. Zum Beispiel, dass er mit Lena zusammen war & sie nicht wirklich liebevoll behandelt hat. James & AdamIn diesem Buch hat er zwar nur einen kleinen Auftritt, aber dieser ist wieder so herzerwärmend. Er ist ehrlich gegenüber Warner und fragt ihn, ob er eine Umarmung braucht, weil er so aussieht, als würde er eine brauchen. Man kann von Adam halten, was man möchte. Aber dass James so empathisch und süß ist, ist auch Adams Fürsorge zu verdanken.Handlung¿¿¿¿ ¿ Das Ende war für mich unvorhersehbar. Wow! Eigentlich habe ich dafür kaum mehr Worte. Für mich wurde ich durch die Sympathie für Nasira und die Geheimniskrämerei von Warner perfekt auf dieses Szenario vorbereitet, ohne es zu erwarten. Die erste Hälfte des Buches erklärte das World-Building des Reestablishements. Dabei gab es viele politische Überlegungen, die mir halfen, mich in diesem Universum besser zurechtzufinden. Auch die Kinder der anderen Oberbefehlshaber bzw. Geschwister von Juliette haben einen weiteren Handlungshorizont eröffnet. Die Geschichte fühlt sich noch lange nicht abgeschlossen an. Es macht sehr neugierig auf alles weitere.Schreibstil-Gefühl¿¿¿¿¿Der Schreibstil der Autorin hat mich wie in den letzten Bänden wieder überzeugt. Man wird durch gestrichene Sätze in die Gedankenwelt der Charaktere mitgenommen, durch Kapitel mit Bindestrichen auf Sprachlosigkeit hingewiesen und durch kurze Sätze in Angst versetzt. Dazu kommt, dass der Schreibstil auf mich nicht wie ein künstlicheres Element wirkt, sondern sich sehr flüssig lesen lässt. Ein Teil des Charmes der Reihe ist, dass ich in den Büchern alle Emotionen fühlen kann. Ich rege mich auf (siehe Warners Abschnitt), kann mitfühlen (wie bei Juliette) und mich als Teil des Widerstands fühlen.Unterhaltung ¿¿¿¿¿Für mich war dieses Buch ähnlich gut, wie Band 1. Zu Beginn gab die Autorin mir Zeit, wieder Orientierung in der Welt zu schaffen, ohne dass es langatmig wurde. In der Mitte gab es verschiedene Luftanhaltmomente, z.B. ob Juliette abhaut. Und dann das Ende. So ein toller Nicht-Cliffhänger (ein Ende, das Fragen offen lässt, bei denen man weiß, dass sie beantwortet werden oder es schon sind) erinnert mich an Fourth Wing. Gepaart mit dem World Building, das für viel Aufklärung sorgte, den Emotionen und Handlungen, die nicht gewollt wirkten, ist "Restore Me" für mich ein wunderbarer vierter Band. Ich bin sehr gespannt auf die weiteren Bücher der Reihe und die Beantwortung der Frage: Wusste Warner es?