Bewegender Familienroman aus der Sicht eines Beteiligten - Spurensuche, Aufklärung und Neubeginn, um Fehler nicht zu wiederholen.
"Der Erzähler weiß nichts - und ich sitze hier nach fünfundachtzig Jahren mit den Folgen. Das hat natürlich auch einen traurigen Anstrich."InhaltAls Alex Schulman bemerkt, dass seine eigenen Kinder vor ihm Angst haben, weil er seine Wutausbrüche nicht unter Kontrolle hat, beschließt er sich in Therapie zu begeben, um die Ursachen aufzudecken. Schnell erkennt er, dass in seiner mütterlichen Linie schon immer Feindschaften und Argwohn an der Tagesordnung waren. Onkel und Tanten waren zerstritten, Cousins und Cousinen übernahmen die elterlichen Befindlichkeiten. Zentrum dafür war sicherlich sein Großvater Sven Stolpe. Er war das unbestrittene Oberhaupt der Familie und hat seine Angehörigen unterdrückt, trotz seiner schlechten körperlichen Verfassung, hatten alle Angst oder Respekt vor ihm. Auch nach seinem Tod, hat sich die Lage nicht entspannt, sondern immer weiter auf nachfolgende Generationen ausgedehnt. Schulman betreibt Ahnenforschung und kommt dem Leben seines berühmten Großvaters immer näher. Warum wurde er zum Narzissten? Wieso musste seine Frau Karin so unter ihm leiden? Und worauf begründet sich die jahrzehntelange Feindschaft zwischen ihm und seinem Schriftstellerkollegen Olof Lagerkrantz?DerAutor verarbeitet in diesem autofiktionalen Werk seine Erkenntnisse, die ihn in den Sommer des Jahres 1932 entführen, hinein in eine Zeit, in der Sven Stolpe zu dem wurde, der er blieb, konfrontiert mit seinen eigenen Ängsten, gefangen in der Lieblosigkeit und klammernd an ein fast zerbrechendes Familienglück. Seine Frau Karin lernt einen anderen kennen, lässt sich auf eine Affäre ein und denkt sogar darüber nach, ihren Ehemann zu verlassen. Für Stolpe wird klar, das es soweit nicht kommen darf, er kann die Kälte zwischen ihm und seiner Frau nicht aufweichen, doch er kann dafür sorgen, dass sein Nebenbuhler den Kürzeren zieht.MeinungIch schätze die Bücher des schwedischen Autors sehr, er vermag es tragische Geschichten, die er aus seinem eigenen Erleben bedient, so generalistisch und nahbar zu gestalten, dass man immer tiefer hinab in die emotionale Welt seiner Protagonisten taucht. Es beeindruckt mich nachhaltig, wie offen und ungeschönt er mit der eigenen Vergangenheit und den zwiespältigen Gefühlen umgeht - egal ob er vom despotischen Großvater oder der alkoholkranken Mutter berichtet. Dieser Roman hier bildet vielleicht sogar den Background für seine anderen Bücher und konzentriert sich voll und ganz auf das Leben seiner Großeltern.Die Story hier basiert auf zahlreichen Briefen, die sich seine Großmutter und deren Geliebter über Jahrzehnte geschrieben haben - hoffnungsvoll, traurig und lebensbejahend zugleich. Nur ein kurzer Sommer war ihnen vergönnt und obwohl das Leben einen anderen Lauf hätte nehmen können, war der Schatten seines omnipräsenten Großvaters länger als die Liebesbekundungen seiner Großmutter. Doch er erzählt nicht nur von einer traurigen Liebschaft, sondern entfaltet die ganze Dimension des Unglücks? Warum konnte sich Karin nicht von Sven trennen? Warum hat Olof nicht mehr riskiert? Wieso war Groll und Wut der Hauptcharakterzug der gesamten Familienbande?Der Leser folgt hier dem Autor immer weiter in dessen Vergangenheit und sieht sich mit einem vielschichtigen, komplizierten Tatbestand konfrontiert, bei dem man sicherlich zahlreiche Vorwürfe erheben kann, doch dann erkennen muss, dass es mehrere Faktoren gab, die das anhaltende Unglück manifestiert haben. Dabei spart er nicht mit Vorwürfen gegenüber seinem Großvater, lässt aber auch die Liebenden nicht so leicht davonkommen. Schließlich fragt er sich selbst, warum es soweit kommen konnte, das er nun schon so geworden ist, wie jemand, dessen Gefühlslosigkeit er eigentlich verabscheut hat.FazitDieser Roman ist Spurensuche, Vergangenheitsbewältigung und Neubeginn in einem und bekommt von mir die volle Punktzahl. Eine bewegende, dramatische Story mit der nötigen Distanz zu den Hauptprotagonisten. Wirklich ganz großes Kino, ohne viel Pathos, ohne Nostalgie und immer auf der Suche nach der Wahrheit hinter dem Offensichtlichen. Die angeschnittenen Themen passen generalistisch auf viele Menschen, vielleicht auch auf eine ganze Generation - nur hier im Detail auf das Drama einer großen Liebe heruntergebrochen. Dieser Roman ist ein Lesehighlight für mich gewesen und so ein Buch, was man vielleicht ein zweites Mal im Leben lesen möchte. Hut ab, vor so viel Nahbarkeit und Präzesion des Autors. Seine Großeltern und deren angeschlagene Beziehung sind in ein helles Licht getaucht, zeigen Missstände und Fehlentscheidungen, bittere Charaktere und schwache Möglichkeiten - doch sie gehören zum Autor dazu und er kann sich zwar eine Meinung bilden aber ändern kann er die Vergangenheit nicht ...