Es ist ein großartiges Buch, eines das geeignet ist, eine Stützfunktion zu entwickeln, wäre es bloß seitenstärker ...
Die Zeit läuft. Unaufhörlich. Und mit jedem Jahr scheint die Lebensuhr schneller abzulaufen. Zeit also, dieses Schwungrad vor der nächsten großen Herausforderung, neu zu justieren, das Leben mit neuen Inhalten zu füllen, in der Hoffnung, damit die tickende Uhr ein wenig zu auszubremsen: mehr Zeit für sich (90 Tage), Zeit für Abenteuer, Zeit für ein Projekt. Der Abenteurer heißt Dr. Roth (Jurist), das Projekt "Familiengeschichte", umgesetzt an der Ostseeküste, in "[...] einem hässlichen Zementhaufen namens Niendorf."Aber auch hier sind die projektierten Ansprüche hoch. Es soll ein Bestseller werden, der womöglich sogar verfilmt wird. Die Grundlage: 44 Tonbänder, etwa 66 Stunden Gesprächszeit mit seinem kranken Vater. Doch die Last scheint zu groß, die eigenen Ansprüche kaum zu erreichen. Zumal das Umfeld kaum geeignet scheint, den geistigen Freiraum freiwillig zur Verfügung zu stellen. Da ist zunächst der Apartmentverwalter, Markus Breda, der dem Schreiberling ordentlich "auf die Nüsse geht" (um im Jargon des Autors zu bleiben). Er "dreht Hunderte [trotz starkem Übergewicht und Alkoholproblemen] tonnenschwerer Strandkörbe, ist [aufdringlicher] Ferienwohnungsmogul und Inhaber eines Alkoholspezialfeinkostdelikatessengeschäfts, Platin-Multijobber de luxe." Und das ist jetzt die höfliche Beschreibung eines ansonsten "fies-eklig" beschriebenen Mitmenschen, der aber gerade wegen seiner ungezwungenen Aufdringlichkeit Seiten im Juristen zum Schwingen bringt, die bislang eher verborgen waren. Ohnehin werden die meisten Figuren oft überzeichnet, "nackig" gemacht, dem exhibitionistischen Auge vulgär-offen präsentiert: "Ihr Parfüm hat sich verflüchtigt, zum Vorschein kommt ein leicht säuerlicher Geruch. Matjes mit Zwiebeln oder Eigenaroma?" Wem da keine Nackenhaare zu steigen beginnen - und das ist erst der Anfang. Aber gerade diese Direktheit, die vor der Eigenbeschreibung keinen Halt macht, übt diesen kaum zu verhinderndem Sog aus, rein in die Geschichte, rein in die Haut des Erzählers, Anklänge zum eigenen Leben finden, im Mitleiden an den Überforderungen des Soseins, sich in Erniedrigungen wiederfinden, in unerwiderten Gefühlen. Einer der Höhepunkte dieser Geschichte ist sicher die Auseinandersetzung mit der Ex und seiner Tochter, in der unter anderem Gott und seine Anhänger mit eleganten Vergleichen, allesamt schmerzhaft in ihren Auswirkungen, auf ein passendes Niveau gerückt werden: "'Der Allmächtige hat Millionen Jahre Zeit gehabt, um aus der Welt etwas Schönes zu machen, aber offenbar hat er mehr Lust auf Vernichtungskriege, Killing Fields und den Genozid gehabt.'" Es sind diese direkt unter die Haut gehenden Lebensäußerungen, die den Leser in den Bann ziehen, die inneren Monologe des Ich-Erzählers, in denen sowohl die Fragilität des Lebens hinterfragt wird wie auch mögliche Handlungsoptionen überprüft werden, der jederzeitigen Möglichkeit, von den Zufällen und Enttäuschungen des Lebens überrannt zu werden, und ihnen dennoch immer wieder Paroli bietend, das Hadern, das Zweifeln, der Kampf um die Liebe, zumindest um ein "liebes Wort". Es ist ein großartiges Buch, eines das geeignet ist, eine Stützfunktion zu entwickeln, wäre es bloß seitenstärker. Bei vielen Büchern wünscht man sich weniger Seiten, hier - nicht.(27.2.2023)