Kurzmeinung: Ein hoch philosophischer skurriler Roman
Präliminarien: Zunächst einmal ist zu sagen, dass es sich mit fast 900 Seiten um einen umfangreichen Roman handelt. Ich ¿las¿ ihn als Hörbuch, von dem wunderbaren Sprecher Thomas Loibl eingelesen. Hörbücher haben bei mir einen großen Nachhall, da ich sie meist draußen auf Spaziergängen höre und in Intervallen. Sie bleiben mir lange in Erinnerung. ¿Der Morgenstern¿ ist meines Erachtens ein Roman, den man am Besten in Häppchen genießen solle und nicht an einem Stück von Anfang bis Ende lesen. Daran würde man ermüden und ermatten. Mit kleinen Pausen zwischen den einzelnen Sessions kann man auch besser über das Gelesene/Gehörte nachdenken. Wenn der geneigte Leser Erwartungen an das Werk hat, zum Beispiel solche, er würde eine spannende Dystopie serviert bekommen, weil ¿Der Morgenstern¿ plötzlich auftaucht am Himmel als besondere Erscheinung und das Ende der Welt ankündigt, dann täuscht er sich 900 Seiten lang. Mag sein, dass der geneigte Leser in den Folgebänden auf solche, seine Kosten kommen mag, das weiß ich noch nicht, weil ich diese Bände noch nicht gelesen habe. Zu meinem großen Erstaunen ist im ganzen Werk kaum die Rede davon, was Experten, Kosmologen, Astrologen, Astronomen etc. von dem Himmels-Phänomen halten, man weiß zwar, dass es in Funk und Fernsehen diskutiert wird, aber der Autor hält den Leser von diesen Diskussionen fern. Handlung: Stattdessen widmet sich der Autor in neun Vignetten Sonderlingen, die seine Feder in Norwegens Sommer setzt und ins Leben gerufen hat. Wen haben wir denn da? Katrine, eine ehemüde gewordene Pfarrerin. Arne, einen Literaturprofessor, der im Sommerhaus eine manisch-depressive Ehefrau betreuen muss samt ihrer beider Kinder und der sich gerne ins Koma saufen würde, weg von jeder Verantwortung. Egil, der sich als Versager fühlt, weil er als junger Mann in eine fast unheilbare Depression geraten ist, eine große Enttäuschung für seinen Vater bedeutet und insofern aufgegeben hat, als er jetzt beruflich einfach Sohn mit reichem Papa ist.Justein, ein versoffener Journalist, der eine eindrückliche Nahtoderfahrung machen muss, Turid, seine medikamentenabhängige Ehefrau, wovon Justein nichts ahnt, weil er sich nur für sich selbst interessiert. Turid arbeitet als Nachtwache in einer Psychiatrie, eine Arbeit, die ihr nicht guttut. Iselin wiederum ist eine sehr dicke junge Frau mit überragendem Intelligenzquotienten und Gesangstalent, die sich aber so sehr wegen ihrer Figur schämt, dass sie am liebsten in einem Mäuseloch leben möchte und außerdem in die Zukunft sehen kann, was ihr einen schlimmen Schrecken einjagt und schließlich Solveig, eine von ihrem Privatleben überforderte Krankenschwester, die meistens erschöpft ist und den Zugang zu ihrer heranwachsenden Tochter verloren hat. Der Kommentar und das Leseerlebnis:Vignetten verschiedener Menschen liest man oft in Episodenromanen, das ist nichts Besonderes. Der Roman ¿Der Morgenstern¿ ist in der Tat eine Art Episodenroman. Was ihn jedoch sehr besonders macht, ist die Tiefe, in die der Autor mit seinen Protagonisten steigt, ja, er steigt tief in ihre Seele hinab und in ihre Gedanken, in ihre Abgründe. Letztlich aber dreht sich alles um den Tod, um das Phänomen des Sterbens, worauf das Leben letztlich basiert. So der Autor. Einige Teile des Romans streifen esoterisches Gedankengut. Der Todesmarsch Justeins durch das Totenreich ist eindrücklich, befremdlich, genial. Das Essay Egils über den Tod ist herausragend. Was soll das mit dem Tod? Egil begleitet einen Fremden, der seine elfjährige Tochter begraben muss. Justein recherchiert über einen bestialischen Mord an einer Jugendgang, jemand begeht Suizid, Katzen werden umgebracht (mehr nebenbei, wird nicht zelebriert, insoweit gerade noch akzeptabel), Katrine beerdigt einen Unbekannten, mit dem sie sich aber gerade eben noch unterhalten hat, - man sichtet Tote als ob sie noch lebten. Man muss philosophische Einlassungen mögen, um diesen Roman zu schätzen. Man muss sich auf Menschen mit kompliziertem Gedankengut und Seelenleben einlassen können und manchem skurrilen Einfall des Autors lauscht man einfach nur in einer Mischung von Befremden und Staunen. Ist Real Life nur eine Illusion? Fazit: Ein bemerkenswertes Werk, ein genialer Autor. Kategorie: MeisterwerkVerlag: Luchterhand, 2022/Der Hörverlag