Objektiv hat Die Erwählte ein paar Schwächen, aber als Auftakt der Reihe ist das Buch für mich trotzdem ein klares 5-Sterne-Buch.
Im Rahmen unseres Buchclubs habe ichDie Erwähltenoch einmal gelesen und gerade beim Re-Read ist mir noch stärker aufgefallen, warum ich dieses Buch trotz einiger Kritikpunkte so liebe. Im Zentrum steht Celaena Sardothien, die als berüchtigte Assassinin aus dem Straflager geholt wird, um in einem Wettbewerb des Königs zu siegen und sich so ihre Freiheit zu verdienen. Dazu kommen mit Dorian und Chaol zwei Figuren, die von Anfang an mehr sind als bloße Love-Interest-Schablonen und ein Hof, der schon früh weit mehr Geheimnisse verbirgt, als man beim ersten Lesen ahnt.Was dieses Buch für mich so stark macht, ist vor allem, wie gut es konstruiert ist. Beim ersten Lesen wirkt vieles noch wie klassischer Fantasy-Aufbau: der Wettkampf, die höfischen Spannungen, die gefährliche Heldin, die sich behaupten muss. Beim zweiten Lesen merkt man aber, wie bewusst Sarah J. Maas bereits in den ersten Kapiteln mit Andeutungen, Stimmungen und kleinen Details arbeitet. Es gibt Szenen auf den ersten Seiten, die man zwei oder sogar mehrere Bände später plötzlich völlig anders bewertet, weil man dann erst versteht, welche Bedeutung sie wirklich hatten. Genau das ist für mich eines der größten Qualitätsmerkmale des Buches: Es funktioniert nicht nur als spannender Reihenauftakt, sondern auch rückblickend als erstaunlich sauber gelegtes Fundament für das, was noch kommt.Auch die Welt ist ein riesiger Pluspunkt.Die Erwählte gehört noch zu den Teilen der Reihe, die stärker im Schloss, im Wettkampf und in der direkten Figurenkonstellation verankert sind, aber selbst auf dieser vergleichsweise "kleinen" Bühne entfaltet Sarah J. Maas schon eine Atmosphäre, die sofort zieht. Das gläserne Schloss, die politischen Machtverhältnisse, die unterschwellige Bedrohung und die Frage, was hinter den Mauern und hinter der offiziellen Ordnung wirklich vor sich geht, machen das Setting unglaublich reizvoll. Gerade wenn man die Reihe schon kennt, sieht man noch viel klarer, wie viel hier bereits vorbereitet wird.Besonders gern mag ich auch Celaena in diesem Band. Ja, objektiv kann man kritisieren, dass sie stellenweise sehr jugendlich, eitel oder widersprüchlich wirkt. Aber genau das macht sie für mich in Die Erwählteso interessant. Sie ist tödlich, klug, stolz, verletzt und oft erstaunlich weich zugleich. Anders als bei vielen anderen Fantasy-Reihen ist sie dadurch häufig nicht die klassische Sympathie-Trägerin, in die man sich sofort selbst hineinversetzen kann. Zudem ist sie ist noch nicht die Figur, zu der sie später wird und genau darin liegt der Reiz: Man erlebt hier nicht die fertige Heldin, sondern eine junge Frau, deren Entwicklung erst beginnt. Beim Wiederlesen wirkt das fast noch besser, weil man weiß, welche Reise vor ihr liegt.Natürlich gibt es auch Kritikpunkte. Manche Elemente sind klar YA-typisch, einige Dialoge oder romantische Spannungen wirken stellenweise etwas idealisiert und nicht jede Szene hat schon die emotionale oder politische Wucht, die spätere Bände erreichen. Objektiv betrachtet istDie Erwähltealso vielleicht nicht der stärkste Band der Reihe. Aber für mich hebt die durchdachte Anlage des Plots diese Punkte deutlich auf. Dass Sarah J. Maas schon hier Hinweise setzt, die erst viel später ihre volle Bedeutung entfalten, ist beim erneuten Lesen einfach beeindruckend.Am Ende istDie Erwähltefür mich genau deshalb ein 5/5-Sterne-Buch: nicht, weil es makellos wäre, sondern weil es ein Auftakt ist, der mich emotional komplett abholt und handwerklich sehr viel mehr kann, als man ihm beim ersten Lesen vielleicht zutraut. Ich liebe diese Welt, ich liebe die Art, wie hier Fäden ausgelegt werden und ich liebe, dass das Buch beim Wiederlesen nicht verliert, sondern gewinnt.