Ein schönes und märchenhaftes Fantasyabenteuer, das ganz anders ist als die Bücher, die Stephen King sonst schreibt.
Inhalt:Im Königreich Delain schmiedet der grausame und machtgierige Hofzauberer Flagg ein finsteres Komplott: Er plant die Ermordung von König Roland und will alles so aussehen lassen als sei Prinz Peter der Mörder. Damit würde die Krone an Peters jüngeren Bruder Thomas gehen. Dieser ist schwach und beeinflussbar und wäre für Flagg einfach zu kontrollieren. Flagg könnte dann das Königreich nach Belieben regieren..."Mutig ist er; er hat das Herz eines Drachen. Eines Tages wird er ein prachtvoller König werden." (S. 52)Meine Meinung:Ich war sehr gespannt darauf mal ein Fantasybuch von Stephen King zu lesen, weil seine anderen Bücher ja anderen Genres zuzurechnen sind. Ich hatte vorher schon so einige Bücher von ihm gelesen (u. a."Shining", "Friedhof der Kuscheltiere", "Es", "Sie", "Cujo, "Bennen muss Salem" und"Carrie") und bin ein Fan von ihm. Das alte und verwinkelte Schloss mit seinen Geheimtüren und Geheimgängen gibt einen interessanten Handlungsschauplatz ab und wird atmosphärisch in Szene gesetzt. Der König hat in seinem Arbeitszimmer eine Menge Jagdtrophäen an den Wänden hängen - darunter ein von ihm einst eigenhändig erlegter Drache. Was nur zwei Personen wissen: Es gibt einen Geheimraum hinter der Wand von dem aus man durch die gläsernen Augen des Drachen beobachten kann was im Arbeitszimmer geschieht. Dieser Umstand ist in dem Buch von besonderer Bedeutung und gibt daher dem Buch seinen Namen.Die beiden Prinzen Peter und Thomas, die kaum unterschiedlicher sein könnten, werden sehr gut charakterisiert. Peter gewinnt man schnell lieb, denn er ist ein richtiger Sonnenschein, der immer freundlich ist und von allen Leuten gemocht wird. Zudem ist er mutig, ehrlich, gerecht, klug, hinterfragt Dinge und all diese positiven Eigenschaften machen ihn zu einem geborenen Anführer. Umso trauriger ist es wie sich das Unheil über ihm zusammenbraut. Alles läuft unaufhaltsam darauf hinaus, dass Flaggs Mordkomplott Peters bis dahin unbeschwerten und glücklichen Leben ein jähes Ende setzen wird.Anders als Peter ist der einige Jahre jüngere Thomas zurückhaltend, ängstlich, eher unscheinbar und lässt sich leicht beeinflussen. Obwohl Thomas im Verlauf der Geschichte einige furchtbar falsche Entscheidungen trifft ist er einem nie wirklich unsympathisch. Das liegt daran, dass man Einblick in Thomas' Gedanken und Gefühle erhält und einem dadurch klar wird wie sehr Thomas sein schlechtes Gewissen zu schaffen macht. Zudem ist er noch ein Kind und er wird so sehr von Flagg manipuliert und eingeschüchtert, dass es kein Wunder ist, dass er es lange Zeit nicht schafft sich zu wehren und das Richtige zu tun. Außerdem versteht man, dass Thomas seinen Bruder zwar liebt, aber gleichzeitig auch extrem neidisch auf diesen ist. Man versteht wie schwer es für ihn sein muss immer im Schatten seines Bruders zu stehen, der ihn bei allem übertrumpft. Traurig ist auch wie sehr der König Peter stets bevorzugt hat und wie er nie einen Hehl daraus gemacht hat, dass er diesen sehr viel mehr liebhat als Thomas.Es sorgt für eine gehörige Portion Drama, dass der unschuldige Peter durch Flaggs heimtückische Machenschaften verurteilt und inhaftiert wird. Peters innerer Kampf wird sehr eindrücklich beschrieben und seine tiefe Verzweiflung geht einem nahe. Es wird sehr gut beschrieben wie Peter zwischenzeitlich droht jede Hoffnung zu verlieren ehe es ihm doch noch einmal gelingt neuen Mut zu schöpfen und in den Angriffsmodus zu wechseln. Man fragt sich wie es Peter doch noch gelingen könnte den wahren Mörder zu überführen, seine eigene Unschuld zu beweisen und seinen Vater zu rächen.Es ist sehr kreativ und überraschend inwieweit letztlich unscheinbaren Dingen (u. a. Puppenhaus und Servietten) eine entscheidende Rolle zukommt. Außerdem fand ich es schön wie Peters Freunde und Verbündete ihm beistehen. Ohne Ben, Dennis und Naomi (und nicht zu vergessen ihr Hund Frisky), die fest an Peters Unschuld geglaubt und ihm die Treue gehalten haben wäre Peter wirklich aufgeschmissen gewesen. Ich habe diese Nebencharaktere allesamt gemocht und sie waren eine Bereicherung für die Handlung.Das Ende des Buches punktet mit einem spannenden Wettlauf gegen die Zeit. Wie Flaggs Gefährlichkeit und sein Wahnsinn vollends zum Vorschein kommen und wie er Peters Plänen auf die Spur kommt sorgt für einen Gänsehautmoment und wird sehr mitreißend beschrieben. Letztlich bekommt man das erhoffte Happy End, das wunderschön ist, aber trotzdem nicht kitschig wirkt und mit einigen nachdenklichen Untertönen überzeugt. Die Aussprache zwischen den Brüdern und ihr Umgang mit den schrecklichen Geschehnissen fand ich sehr bewegend. Die beiden haben da wirklich charakterliche Größe bewiesen.Übrigens ist die Art wie die Geschichte erzählt wird auf jeden Fall auch erwähnenswert, weil das unterhaltsam, interessant und mal etwas anderes ist. Der Erzähler ist allwissend und macht immer wieder Andeutung bzgl. künftiger Geschehnisse. Das nimmt zwar ein bisschen Spannung heraus, aber dadurch, dass der Erzähler entscheidende Details weglässt, bleibt man trotzdem neugierig und es gibt dennoch Überraschungen. Manchmal wird man beim Lesen sogar direkt vom Erzähler angesprochen:Wenn ihr euch jemals in eurem Leben Gedanken darüber gemacht habt, ob ihr einer bestimmten Aufgabe gewachsen seid, dann werdet ihr sicher verstehen, wie ihm zumute war. (S. 29)Das glaube ich ganz fest, und mit der Zeit werdet ihr sicher auch so denken. (S. 54)Außerdem möchte ich den tollen Schreibstil hervorheben und Stephen Kings Talent neben actionreichen Momenten auch ernste und nachdenklich stimmende Momente zu schaffen. Ein besonders gutes Beispiel dafür ist die folgende Stelle:Die Köpfe der Menschen [...] sind wie Brunnen - tiefe Brunnen voll süßem Wasser. Und manchmal, wenn ein bestimmter Gedanke so unerfreulich ist, dass man ihn nicht ertragen kann, dann sperrt die Person, die ihn gedacht hat, ihn in eine schwere Kiste und wirft diese in diesen Brunnen. Sie lauscht dem Plätschern... und dann ist die Kiste verschwunden. Aber natürlich ist sie das nicht. Nicht wirklich verschwunden. [...] Und er wusste, dass die Kisten, in denen die bösen, verderbten Gedanken eingesperrt waren, verfaulen konnten, und das Übel darinnen konnte heraus und das Wasser vergiften... und wenn der Brunnen des Verstandes im Kopf vergiftet ist, dann nennen wir das Wahnsinn. (S. 84)Meine Kritikpunkte:Zum einen finde ich, dass durch den Klapptext und durch die Andeutungen des allwissenden Erzählers etwas zu viel von der Handlung verraten wird. Zumindest ist der Weg bis dahin aber nichtsdestotrotz interessant zu verfolgen.Zum anderen finde ich, dass man zu wenig über den Bösewicht Flagg erfährt. Ich hätte gerne mehr über seine dunkle Vergangenheit erfahren und was das angeht wurde Potenzial verschenkt. Die Tatsache, dass Flagg bereits seit Jahrhunderten sein Unwesen treibt und für Chaos und Verderben sorgt, hätte Stoff für so einige interessante Rückblicke geboten.Fazit:Dieses Buch ist ganz anders als die anderen Bücher, die ich bisher von Stephen King gelesen habe. Trotzdem habe ich diese fantasievolle, märchenhafte und spannende Geschichte sehr gerne gelesen und ich bin froh, dass ich dem Buch eine Chance gegeben habe.Zum Schluss noch drei Zitate, die mir besonders gefallen haben:Er wusste, er hatte von Zeit zu Zeit Fehler gemacht, aber er hatte nicht zugelassen, dass sie sein Herz brachen. Auch über seinen letzten und größten Fehler brach sein Herz nicht. Er wusste so gut wie wir in unserer Welt, dass der Weg zur Hölle mit guten Absichten gepflastert ist - aber er wusste auch, dass es für einen Menschen manchmal nicht mehr geben kann als gute Absichten. (S. 277)Das scheint wirklich eine leichte Frage zu sein, aber euch ist vielleicht schon aufgefallen, dass alle Fragen leicht sind, wenn man die Antworten kennt, und schrecklich schwierig, wenn man sie nicht kennt. (S. 294)Und lebten sie von nun an glücklich bis ans Ende ihrer Tage? Nein. Niemand tut das jemals, einerlei, was in den Märchen steht. Sie hatten schöne Zeiten, wie ihr auch, und sie hatten schlechte Zeiten, wie ihr sie auch kennt. Sie hatten ihre Siege, wie ihr, und sie hatten ihre Niederlagen, und auch die sind euch nicht bekannt. (S. 379/380)