Tradwives, also Frauen, die online ein traditionelles Rollenbild propagieren und sich als perfekte Ehefrauen und Mütter inszenieren, sind ein Thema, das mich schon länger interessiert. Umso neugieriger war ich auf Keine Angst, Darling von Vera Buck. Was zunächst nach einer spannenden Geschichte über eine vermeintlich heile Welt klingt, entwickelt sich schnell zu einem beklemmenden Thriller, der zeigt, wie gefährlich die Grenze zwischen Geborgenheit und Kontrolle werden kann. Und das Erschreckende daran: So abwegig, wie man es sich vielleicht wünschen würde, wirkt das Ganze gar nicht.
Im Mittelpunkt steht Paula, die nach Florida reist, um ihre Schwester Lea zu suchen. Diese lebt dort mit ihrer Familie in einer abgeschotteten Wohnanlage und präsentiert ihr scheinbar perfektes Leben als Tradwife im Internet. Als sie plötzlich nicht mehr erreichbar ist, beginnt Paula, hinter die makellose Fassade zu blicken. Die Handlung hat mich von Anfang bis Ende gefesselt. Vera Buck greift ein hochaktuelles Thema auf und bereitet es so auf, dass einem beim Lesen durchaus mulmig werden kann. Gerade weil vieles erschreckend realitätsnah wirkt, entfaltet die Geschichte eine besondere Wirkung. Dabei geht es nicht einfach nur um ein ungewöhnliches Lebensmodell, sondern auch um Macht, Abhängigkeit und die Frage, wie schnell aus vermeintlicher Fürsorge Kontrolle werden kann. Für mich ist das ein wichtiges Buch, das auf die problematischen Seiten der Tradwife-Bewegung aufmerksam macht, ohne dass die gesellschaftliche Botschaft die Spannung verdrängt.
Auch sprachlich hat mich Vera Buck wieder überzeugt. Ihr Schreibstil ist spannend, atmosphärisch und voller Bilder, die die beklemmende Stimmung hervorragend transportieren. Besonders gut gefällt mir, dass sie vieles nicht ausführlich erklärt, sondern Situationen für sich sprechen lässt. Dieses Show, don't tell funktioniert hier richtig gut, weil man als Leser selbst merkt, dass hinter der perfekten Fassade etwas ganz und gar nicht stimmt. An manchen Stellen fand ich das Buch sogar richtig gruselig. Dazu kommen die wechselnden Perspektiven, durch die sich nach und nach ein immer umfassenderes Bild der Ereignisse ergibt.
Die Figuren sind ebenfalls eine große Stärke des Romans. Vor allem die Protagonistin ist eine starke Persönlichkeit, mit der ich gerne mitgefiebert habe. Sowohl die Haupt- als auch die Nebenfiguren werden ausführlich charakterisiert und wirken dadurch lebendig und authentisch. Besonders spannend fand ich, dass Vera Buck mich bei der Frage, wem ich eigentlich trauen kann, mehr als einmal an der Nase herumgeführt hat. Figuren, die zunächst sympathisch oder vertrauenswürdig erscheinen, zeigen nach und nach andere Seiten. Gerade dadurch bleibt man beim Lesen aufmerksam und hinterfragt immer wieder die eigenen Einschätzungen.
Einen kleinen Abzug gibt es für das Ende, das mich nicht zu hundert Prozent überzeugen konnte. Nach der durchweg spannenden und atmosphärischen Geschichte hätte ich mir einen etwas anderen Abschluss gewünscht. Das schmälert meinen positiven Gesamteindruck aber nur wenig.
Insgesamt ist Keine Angst, Darling für mich ein hochaktueller, spannender und stellenweise erschreckender Thriller, der nicht nur unterhält, sondern auch zum Nachdenken anregt. Vera Buck verbindet eine fesselnde Geschichte mit einem gesellschaftlich relevanten Thema und zeigt, wie trügerisch eine scheinbar perfekte Welt sein kann. Für mich sind das 4,5 von 5 Sternen und eine klare Leseempfehlung gerade auch für alle, die sich mit dem Tradwife-Trend und seinen Schattenseiten auseinandersetzen möchten.