Unglaubwürdige Figuren in gepflegter Langeweile
Sally Rooney berichtet uns in "Intermezzo" von zwei ungleichen Brüdern.Da ist Ivan. Er ist zweiundzwanzig, ein hochintelligenter Einzelgänger; das Bisschen, was er zum Leben braucht, verdient er sich als Freelancer mit Datenanalysen für Unternehmen aus Dublin. Seine große Leidenschaft aber gilt dem Schachspiel, das er auf höchstem Niveau betreibt - am Ende des Buches wird er um den Titel eines Internationalen Meisters spielen. Bei einem Simultanturnier in der irischen Provinz lernt er Margaret kennen, die das örtliche Kulturzentrum managt. Sie ist sechsunddreißig, hat einen alkoholkranken, zu Gewalt neigenden Exmann, und die beiden, die aus unterschiedlichen Gründen sehr zurückhaltend sind, wenn es darum geht, sich gegenüber anderen zu öffnen, finden in einander Seelenverwandte und beginnen eine Beziehung, heimlich zunächst, denn Margaret möchte nicht zum Tratsch des Ortes werden.Peter, der ältere Bruder, ist zweiunddreißig. Er arbeitet als erfolgreicher Anwalt in Dublin, spezialisiert auf medienwirksame Menschenrechtsfälle. Seine Exfreundin Sylvia leidet nach einem Autounfall vor vielen Jahren unter chronischen Schmerzen; sie hat die Beziehung beendet, die beiden bleiben aber befreundet und vertraut. Fürs Bett hat Peter Naomi, eine junge Studentin, wild, chaotisch und rebellisch.Peter und Ivan müssen beide über den Tod ihres Vaters hinwegkommen, zu dem sie sehr unterschiedliche Verhältnisse hatten. Sie missbilligen die Lebensentscheidungen des jeweils anderen, sie zerstreiten sich über Ivans Beziehung zu Margaret, und am Ende müssen sie erkennen, dass sie einander ähnlicher sind als gedacht, und so versöhnen sie sich wieder.Gleich mit dem ersten Kapitel, das aus Peters Perspektive erzählt wird, war ich schlagartig begeistert. Wie es Sally Rooney schafft, dem Charakter seinen Duktus zu geben! Der kluge, schnelle, erratische Typ, der so schnell von Gedanken zu Gedanken hetzt, dass er nicht einmal alle seine Sätze vervollständigen kann, dem assoziativ Dinge von der Seite in den Kopf schießen - das hat die Autorin umgesetzt in eine moderne, mutige, einzigartige Stimme, die mich schlicht von den Socken gehauen hat. Stehender Applaus dafür!Ivan dagegen berichtet konventioneller. Er ist strukturiert im Kopf und auch im Erzählstil. Das ist schon schlüssig, baer es führt halt zu einer viel konservativeren Erzählform. Auch die pragmatische Margaret, der die dritte Perspektivstimme gehört, fügt sich da brav (allzu brav?) an.Überhaupt, dieser Ivan. Peter schildert ihn einmal als "kind of autistic", aber das wird nirgendwo gestützt. Im Gegenteil: Er ist umsichtig, sorgsam, er grübelt viel und denkt die Dinge zu Ende, aber dabei ist er nicht einmal ein Nerd, kein Zahlenmensch, kein Technikfreak, er ist ein ganz normaler, kluger und sympathischer Typ, der mangels Erfahrung und Übung unsicher ist im Umgang mit anderen, seiner Wirkung auf andere und speziell mit Frauen. Seine Datenanalysen macht er nebenher (mit minimalem Aufwand), und auch dem Schach widmet er vergleichsweise wenig Gedanken (abends liest er Bücher über Eröffnungen, und ich habe aus diesem Buch erfahren, dass Eröffnungen etwas sind, das man auch als hochtalentierter Schachspieler einfach lernen muss). Nein, dieser Ivan ist so sehr ein Allerweltsaußenseiter, den man einfach ins Herz schließt, ein Typ wie Du und Ich, dass ich ernsthafte Probleme habe, der Autorin seine Lebenssituation abzunehmen.Ganz anders Peter. Der ist komplex. Und wie. Klug (wie sein Bruder), gewandt, gewinnend, überzeugend, rhetorisch brillant, gutaussehend, erfolgreich, er hat Geld und Geschmack und weiß es, die richtigen Leute für sich zu gewinnen. Zugleich lernen wir ihn als Moralisten kennen, dem es darum geht "das Richtige" zu tun (deshalb die Menschenrechtsfälle!), er hat einen Ordnungs- und Putzfimmel, er ist empathisch und hilfsbereit und großzügig und sehr in Sorge, dass es allen um ihn (einschließlich seinen beiden Quasifreundinnen und dem Bruder, mit dem er verkracht ist) gut geht. So sehr, dass diese Fürsorge erdrückend wirken kann. Das ist eine Menge Holz von ganz verschiedener Struktur! Ich fürchte, einen wie Peter werden wir außerhalb der Vorstellung von Sally Rooney nicht noch einmal treffen.Das Doofste aber an der Lektüre von "Intermezzo" war, dass die Figuren, Probleme und Konstellationen nach knapp einem Drittel des Buches komplett ausgebreitet sind, und alles, was danach kommt, eigentlich nur noch das detaillierte Durchdeklinieren des bereits Bekannten darstellt. Wir erfahren auf den letzten dreihundert Seiten einfach nichts Neues mehr, und das macht die Lektüre - Entschuldigung! - einfach langweilig.