Der Roman behandelt ein aktuelles und gesellschaftspolitisch wichtiges Thema und entwickelt sich im Laufe der Erzählung, was ich positiv empfunden habe, da ich es aufgrund des Klappentextes nicht unbedingt erwartet hätte.
Im Mittelpunkt der Geschichte steht Odette, ein 19jähriges sozial unerfahrenes Mädchen, das schon viele negativen Erlebnisse in ihrem Leben hinnehmen musste. Gleich zu Beginn gibt es ein Schockerlebnis, indem Odette scheinbar vor laufender Kamera ihren 80jährigen Freund Amos ermordet. Für die Online-Community wird sie sofort vorverurteilt und gehasst, ohne die Hintergründe genauer zu hinterfragen. Denn genau hierin liegt die eigentliche Spannung: Wie kann es dazu kommen? Was muss im Vorfeld geschehen sein?
Beim Lesen taucht man dann immer weiter ein und landet bei schwierigen und komplexen Themen wie emotionaler und körperlicher Missbrauch, Leidensdruck, Manipulation, toxische Beziehungen, Einsamkeit, soziale Entwicklungsstörung und der Druck der sozialen Medien. Stück für Stück werden die Hintergründe aufgedeckt und mit der Zeit emotional immer tiefgründiger und erschreckender. Die Leseatmosphäre wurde für mich auch spürbar beklemmender und erdrückender, sodass man sich als Leser*in gut in Odettes Situation hineinversetzen kann. Erschreckend ist auch, wie voreilig Menschen in den sozialen Netzwerken über andere Menschen urteilen, sei es zu Beginn auf positive, motivierende Weise und dann kann es schnell in das andere Extrem abdriften. Auch wenn Odette häufig naiv und unerfahren scheint, so bleibt sie doch ihren Prinzipien treu und wirkt authentisch und auch ihre Fehlentscheidungen erscheinen aus ihrer Sicht verständlich.
Der Roman wirkt auch im Nachhinein noch nach und soll zum Nachdenken anregen, wie schnell man sich blenden lässt und die menschliche Seite vergisst.