Düstere Gotham-Vibes, aber viele Klischees & Ungereimtheiten. Die Silencer-Kapitel waren top, der Rest eher schwierig. Schade ums Potential.
Meine Gedanken & GefühleIch hatte tatsächlich einen richtig guten Einstieg in das Buch. Allein die Playlist am Anfang? Fand ich super. ¿ Die Songs würde ich auch unabhängig vom Buch hören - das hat direkt Stimmung gemacht.Auch die FMC wurde zunächst angenehm bodenständig eingeführt: ein normales Mädchen in einer ziemlich kaputten Stadt. Wobei... diese Stadt war so schwarz-weiß gezeichnet, mein Kopfkino hat gleich auf Graphic Novel umgestellt. ¿ Meridian City wirkt weniger wie eine echte Stadt und mehr wie ein "Willkommen in Gotham, aber bitte nur schwarz ohne Grautöne"-Setting.Ab ca. Seite 100 kam leider der Punkt, an dem mich die Geschichte zunehmend verloren hat. Vor allem die Gedankengänge der Protagonistin im Umgang mit dem "Silencer" waren für mich kaum nachvollziehbar. Erst ist er ein gefährlicher Killer, dann wieder irgendwie... nicht? Angst, aber auch nicht wirklich? Ich mag ja ambivalente Charaktere, aber hier war es nicht nachvollziehbar, sondern schien der Handlung zu dienen ohne innere Logik.Spätestens bei der berühmten Wohnungsszene war ich innerlich raus. Diese Abfolge an "typischen Dark-Romance-Momenten" fühlte sich für mich nicht organisch an, sondern eher wie eine Checkliste: Jetzt bitte einmal dominant aufs Bett setzen, Arme verschränken, düster schauen - fertig ist die Szene. Ich hatte kurz das Gefühl, ich sehe einen generischen KI-Clip (à la Insta) vor mir. ¿Stärken¿¿ Was ich dem Buch wirklich lassen muss: Atmosphäre kann es. Die Welt ist düster, schwer und durchzogen von Gewalt, Trauma und kaputten Figuren. ¿¿¿ Meridian City hatte für mich visuell etwas von einer Graphic Novel, irgendwo zwischen Noir und düsterem Superhelden-Setting. Gerade der "Silencer" selbst hat stark an eine Art Batman-Vibe erinnert - geheimnisvoll, gebrochen, moralisch irgendwo im Nebel unterwegs.¿¿ Und genau diese Kapitel waren für mich auch das Highlight. So sehr, dass ich ab etwa Seite 100 dabei ertappt habe, fast nur noch seine Perspektive zu lesen. ¿SchwächenLeider ist die Liste hier deutlich länger.¿ Allen voran die Logik der Handlung. Die FMC trifft Entscheidungen, bei denen ich mich mehrfach gefragt habe, ob wir noch im selben Buch sind. Sie arbeitet plötzlich in einem fragwürdigen Stripclub, obwohl es deutlich sinnvollere Alternativen gäbe - inklusive eines wohlhabenden Boyfriends im Hintergrund. Das wirkte auf mich weniger wie Charakterentwicklung und mehr wie ein konstruiertes Plot-Device.¿ Auch die Übersetzung hat mich immer wieder rausgerissen. Formulierungen wie "Zwing mich nicht, dich ein zweites Mal aufzufordern" (zu bitten?!) (s.29) oder merkwürdige Begriffe wie "ärmellose Jacke" (wir nennen das Weste...S. 23) "eine kurvige Frau mit erdbeerblondem Haar" (Erdbeeren und blond haben keinen gemeinsamen Nenner?) (S. 53) haben sich einfach nicht natürlich gelesen. Dazu kam der irritierende Wechsel zwischen "Du" und "Sie" innerhalb von Dialogen (Beispiel: S. 78 "Ich kann Dich nicht ausstehen.." Und plötzlich S.79 "Das sagen Sie nur, weil ich Ihnen das Leben gerettet habe..") - da war ich irgendwann komplett raus.¿ Und dann ist da noch das größte Problem: Die emotional schweren Themen. Das Buch greift wirklich harte Inhalte auf - Gewalt, Trauma, Verlust. Aber anstatt ihnen Raum und Ernsthaftigkeit zu geben, wirken sie oft wie Tropes, die einfach eingesetzt werden, ohne ihre volle emotionale Wucht zu entfalten. Das hat mich ehrlich gesagt frustriert, weil hier so viel mehr drin gewesen wäre und Trauma für mich kein Trope sein sollte.¿ Auch die Vorhersehbarkeit war ein Thema. Viele Entwicklungen, inklusive zentraler Beziehungen, waren sehr früh absehbar. Wenn man das Genre kennt, fühlt sich vieles eher vertraut als spannend an. Auch das harte Ende wird im Vorspann schon vorweggenommen.Fazit & Empfehlung"Under Your Scars" hatte für mich starke Ansätze: eine dichte, düstere Atmosphäre, eine visuell spannende Welt und einen interessanten männlichen Protagonisten.Leider stehen dem eine für mich schwer greifbare weibliche Hauptfigur, einige logische Brüche und eine holprige Übersetzung gegenüber. Dazu kommt, dass viele emotionale Themen eher angerissen als wirklich ausgearbeitet werden.Wenn du düstere Settings liebst, dich an Genre-Tropes nicht störst und vor allem für den "mysteriösen Vigilanten"-Vibe liest, könnte das Buch trotzdem etwas für dich sein.Ich persönlich hatte wenige gute Momente - aber insgesamt musste ich meinen Verstand öfter ausschalten, als mir lieb war. ¿¿