
Besprechung vom 14.03.2026
Über die Grenze gehen, ganz ohne Drama
Julya Rabinowichs Roman "Mo & Moritz" erzählt von zwei jungen Männern, die ihre Liebe vor ihren Familien verteidigen müssen.
Von Anna Vollmer
Angenommen, William Shakespeare würde seine große Liebesgeschichte "Romeo und Julia" heute schreiben - wie sähe sie aus? Kann es eine so dramatische, möglicherweise tödliche Liebe heute überhaupt noch geben? Oder ist unsere Welt dafür zu liberal geworden?
In Julya Rabinowichs Jugendbuch "Mo & Moritz" gibt es eine solche Liebe, auch wenn sie - das ist kein Spoiler - nicht tödlich endet. Weil Familienfehden nicht mehr üblich sind, zumal in einer Großstadt wie Wien, wo die Geschichte spielt, ist es eine Liebe über Religionsgrenzen hinweg. Mo, eigentlich Mojad, ist Muslim und mit seiner Familie aus einem nicht genannten Land vor dem Krieg geflohen. Zu fünft wohnen sie in einer engen kleinen Wohnung, das Ankommen in Österreich wird durch Rassismus und die damit verbundenen gesellschaftlichen Vorurteile erschwert.
Moritz, ebenfalls Mo genannt, lebt mit seinen Eltern in einer großzügigen Altbauwohnung und gehört zu jenem kleinen, exklusiven Teil der Stadtgesellschaft, die zum berühmten Wiener Opernball geht. Ein schöner Schein, der jedoch verbirgt, dass ein Großteil von Moritz' Familie im Holocaust umgekommen ist. Es ist also die Liebesgeschichte eines muslimischen und eines jüdischen Jungen, die hier erzählt wird, nicht irgendwann, sondern im Sommer nach dem 7. Oktober 2023, dem Terrorangriff der Hamas auf Israel.
Das klingt größer, dramatischer als der Roman zunächst daherkommt. Rabinowich beginnt ihre Erzählung bedächtig, alltäglich. Fast hundert Seiten müssen vergehen, bis Mo und Moritz sich zum ersten Mal richtig verabreden, bis die großen Konflikte in all ihrer Komplexität zutage treten.
Zu Beginn des Buchs ist Mo gerade von der Schule geflogen (der erwähnte Rassismus), bekommt aber eine zweite Chance als Auszubildender in einem edlen Wiener Friseursalon. Ein Großteil der Erzählung spielt sich hier ab, zwischen Herrn Franz, dem wunderbaren Inhaber, Leon, dem zunächst eher missgünstigen Kollegen, und einem bunten Strauß an Kundinnen und Kunden. Hier, beim Waschen, Färben und Cremen (Schneiden und Föhnen kommt später), lernt Mo das Lebenswichtigste über zwischenmenschliche Beziehungen, über Toleranz, Mut und Großzügigkeit. Die Szenen im Salon sind deshalb, Liebe hin oder her, fast die schönsten, rührendsten des ganzen Buchs.
Aber die Liebe gibt es eben auch. Mo trifft sie plötzlich, auf den ersten Blick, als er Moritz auf dem Opernball sieht - und frisiert. "Es fühlte sich augenblicklich unanständig an. Als hätte Mo nicht schon zig Haaransätze berührt auf zig Köpfen davor. Diese Berührung fühlte sich an, als ob er eine Grenze queren würde, die keine Rückkehr mehr erlaubte." Die gibt es dann auch nicht, denn um beide ist es geschehen. Es gibt sie auch deshalb nicht, weil Mo anerkennen muss, dass er den Erwartungen der eigenen Familie nicht entsprechen kann, dass er keine Frau heiraten und mit ihr Kinder kriegen wird, dass er für Vater und Bruder eine Schande ist, während die Mutter, zumindest gutmeinend, glaubt, dass Schwule, "dass diese armen Menschen krank sind".
Um zu schildern, wie schwer ein Coming-out immer noch sein kann und wie dementsprechend kompliziert eine schwule Liebesgeschichte, hätte Mos Herkunft aus einer konservativen muslimischen Familie also allein gereicht. Dass er und Moritz aber stattdessen mit wirklich allem zu tun haben, was an politischem Sprengstoff gerade so in der Luft liegt (Antisemitismus, Rassismus, Islamismus) könnte man als überladen bezeichnen, andererseits lässt sich an dieser - zugegebenermaßen etwas konstruierten - Situation eben einiges erzählen über die heutige Gesellschaft in all ihrer Komplexität.
Rabinowich macht es sich nicht zu einfach: Moritz' Familie scheint großzügig und liberal, kann aber ihr Misstrauen gegenüber einem Jungen nicht-österreichischer Herkunft nur schlecht verbergen. Mos Familie ist auf den ersten Blick konservativ, ja, aber größtenteils auch wahnsinnig liebevoll. Außerdem lässt sich von "der Familie" ohnehin schlecht sprechen, tickt doch jeder hier ein bisschen anders. Überhaupt ist die Hauptlehre des Buchs wohl vor allem eine: Dass jeder Mensch anders ist - und andere Dinge braucht.
So zumindest formuliert es der lebenskluge Herr Franz, der Friseurladeninhaber, an einer Stelle. Mo beschließt, sich ihn zum Vorbild zu nehmen: "Später wünschte er sich, sein Leben genau so zu leben: jedem das geben zu können, was er gerade brauchte. Und dasselbe zurückzubekommen. Ganz ohne Drama." In diesem Sinne wäre es also wünschenswert, wenn es Liebesgeschichten wie die von Romeo und Julia, wie die von Mo und Moritz, nicht mehr gäbe. Was nichts daran ändert, dass wir sie immer noch gerne lesen.
Julya Rabinowich: "Mo & Moritz".
Hanser Verlag, München 2026. 224 S., br., 17,- Euro. Ab 14 J.
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