Ich habe Her Dark Power von Carina Schnell gelesen und dieses Buch macht es mir wirklich schwer, eine Bewertung zu geben. Denn auf der einen Seite gibt es hier vieles, das ich geliebt habe, auf der anderen Seite einige Punkte, die mich immer wieder aus der Geschichte herausgerissen haben.Die Geschichte folgt Edda, die in einem abgeschiedenen Zirkel weißer Hexen lebt. Während ihr gesamter Zirkel darauf hofft, dass sie eines Tages eine Weiße Frau wird, bricht ausgerechnet an Beltane ihre dunkle Magie hervor. Daraufhin wird sie aus ihrer Gemeinschaft verbannt und an eine Akademie für schwarze Hexen geschickt. Dort muss sie lernen, mit ihren Kräften umzugehen und ihren Platz in einer Welt finden, die sie bislang nur aus Erzählungen kannte.Was mich von Anfang an überzeugt hat, war der Schreibstil. Carina Schnell schreibt unglaublich zugänglich und schafft es, dass man förmlich durch die Seiten fliegt. Auch das Worldbuilding hat mir sehr gut gefallen. Die Idee einer modernen Welt, in der Hexen existieren, sich aber weitgehend verborgen halten, fand ich spannend. Besonders Eddas abgeschiedener Zirkel, der als Selbstversorgergemeinschaft mitten in den Wäldern lebt und selbst unter anderen Hexen als Besonderheit gilt, hat mich sofort neugierig gemacht.Edda selbst mochte ich ebenfalls sehr. Sie trägt die Geschichte mühelos und war für mich der Hauptgrund, weshalb ich unbedingt weiterlesen wollte.Mein größter Kritikpunkt betrifft allerdings die Darstellung der Hexerei. Ich lese unglaublich gerne Bücher über Hexen und Magie. Gleichzeitig bin ich gerade deshalb sehr kritisch, wenn reale Traditionen, Feste und Gottheiten übernommen werden. Sobald Begriffe wie Beltane, Lughnasadh, die Große Göttin, Hexenzirkel oder der Gehörnte verwendet werden, erwarte ich persönlich eine sorgfältige Recherche. Genau daran hat es für mich hier leider gehapert.Besonders deutlich wurde das für mich bei den Elementzuordnungen im magischen Kreis, die nicht den üblichen Traditionen entsprechen und im Buch auch nicht erklärt werden. Noch schwieriger fand ich die Darstellung des Gehörnten. Zunächst wird er praktisch mit Luzifer gleichgesetzt, später erfahren wir zwar, dass er nicht der Teufel ist, sondern tatsächlich ein Gott, der wegen seines Machtstrebens verbannt wurde. Für mich macht das die Sache allerdings nicht besser. Gerade weil hier reale Elemente moderner Hexentraditionen genutzt werden, empfand ich die Veränderung einer tatsächlich verehrten Gottheit problematisch. Hätte die Autorin eine komplett eigene Mythologie erschaffen, hätte mich das deutlich weniger gestört.Auch mit der Romance wurde ich nicht wirklich warm. Morven wirkte auf mich von Anfang an wie die Sammlung sämtlicher Dark-Romantasy-Tropes: geheimnisvoll, mächtig, gefährlich und arrogant. Seine Enthüllung als Sohn des Gehörnten und späterer Thronfolger war für mich wenig überraschend. Vieles davon wirkte bereits früh vorhersehbar. Noch weniger überzeugt hat mich seine Motivation, denn letztlich will er Edda vor allem an sich binden und kontrollieren, weil er ihre Macht benötigt. Die emotionale Verbindung zwischen den beiden blieb für mich dabei eher auf der Strecke.Deutlich interessanter fand ich dagegen Reik, der erst gegen Ende der Geschichte auftaucht. Obwohl er bislang wesentlich weniger Raum bekommt, hat er bei mir deutlich mehr Interesse geweckt als Morven. Sollte die Reihe hier noch andere Wege einschlagen, würde mich das tatsächlich freuen.Auch Eddas einzige Freundin Myr fand ich interessant. Sie ist sympathisch, hat bei mir aber ständig das Gefühl ausgelöst, dass sie nicht vollkommen ehrlich ist. Ob dieser Eindruck berechtigt ist, wird vermutlich erst Band zwei zeigen.Der große Plot-Twist rund um Morven konnte mich ebenfalls nicht überraschen. Die Enthüllung, dass er der Sohn des Gehörnten ist, war für mich lange vorher absehbar. Deutlich spannender fand ich die Fragen rund um Edda selbst und ihre Herkunft.Was mir am Ende jedoch gefallen hat, war der Abschluss. Das Buch endet offen, aber nicht mit einem brutalen Cliffhanger. Es gibt noch viele offene Fragen, gleichzeitig fühlt sich das Ende wie ein sinnvoller Zwischenstopp an und nicht wie ein abgebrochener Satz. Dadurch fällt das Warten auf Band zwei deutlich leichter.Trotz meiner Kritik werde ich die Fortsetzung definitiv lesen beziehungsweise hören. Edda, das Worldbuilding und die zentrale Handlung haben mich genug überzeugt, um wissen zu wollen, wie ihre Geschichte weitergeht. Für mich ist Her Dark Power deshalb ein Buch mit großartigen Ideen und einer starken Hauptfigur, das mich gleichzeitig durch seine Romance und den Umgang mit realen Hexentraditionen immer wieder frustriert hat.