"Momentan leiden rund 1,8 Millionen Menschen in Deutschland an dieser Krankheit, weltweit waren es rund 55 Millionen im Jahr 2023. Diese Krankheit ist stiller Feind und Täter, vor dem niemand gefeit ist. Doch man kann ihn nicht verurteilen und ins Gefängnis stecken. Man kann nur tatenlos zusehen, wie er weiter sein Unheil anrichtet; man ist nicht nur der Krankheit ausgeliefert, sondern auch allem, was sie mit sich bringt. Dazu gehört neben dem Verlust der Erinnerung auf lange Sicht der Verlust der eigenen Identität - und damit einher geht häufig auch die soziale Ausgrenzung." S. 447f.
Demenz - ein nervenzehrendes Krankheitsbild - nicht nur für Betroffene sondern besonders für deren Angehörige. Der Mensch verändert sich, verliert an Selbstständigkeit. Die einfachsten Dinge werden unmöglich. Schön, wenn solche Themen auch in der Belletristik angesprochen und verarbeitet werden.
Handlung
Theo Novak ist in Romy Hausmanns Thriller Himmelerdenblau ein demenzerkrankter Protagonist auf der Suche nach seiner seit Jahrzehnten vermissten Tochter Julie. Er bekommt dabei Unterstützung von der Podcasterin Liv, die den Cold Case für ihren True Crime Podcast wieder aufrollen möchte. Schnell gerät der damalige Hauptverdächtige Daniel in Verdacht. Doch wer ist eigentlich Lara? Diese vier Perspektiven bekommt der Lesende präsentiert - mindestens eine Perspektive zu viel, meiner Meinung nach. Die 443 Seiten ziehen sich wie Kaugummi. Die Spannung entwickelt sich langsam, wird unnötig befeuert von Perspektivwechseln. Die Lara-Sicht könnte gestrichen werden, sie ist unnötig für die Handlung und verwirrt nur - Liv, Lara, Julie - da kommt man schnell durcheinander. Ähnlich wie der Protagonist Theo.
Die Aufklärung des Falls Julie Novak ist schlüssig und wird aus erzählt. Keine Fragen bleiben offen. Das scheint der Wunsch der überwiegenden Mehrheit der Thrillerleser zu sein. Für mich ist es okay, trifft aber nicht meinen Geschmack. Ich bleibe gerne mit einem kleinen Rätsel am Ende zurück - wie bei Inception - dreht sich nun der Kreisel weiter oder bleibt er stehen?
Schreibstil
Die Demenz ist nicht nur handlungstragend eingebaut, sondern auch im Schreibstil nachgeahmt - klasse gemacht! Die Autorin spielt mit Orthografie und fehlerhaft eingesetzten Fremdwörtern, so wird aus der Koryphäe die Koryglyphe. Hier sehe ich ein besonderes Sprachspiel, ein Novum, eine Innovation durch die Autorin.
Tipp
Zusammen mit Mark Benecke hat Romy Hausmann einen Podcast zum Buch gehostet, den ich empfehlen kann. Es geht um echte Kriminalfälle die zum Teil als Inspiration für den Thriller gedient haben. Hörenswert!
Abschließende Gedanken
Vielleicht hätte mir das Buch als Hörbuch deutlich besser gefallen. Da lassen sich unnötige Längen ja auch auf erhöhter Geschwindigkeit skippen. So allerdings musste ich mich quälen, wodurch auch eine Leseflaute bei mir einsetzte. Ich habe das einen Teil quer gelesen und dabei auch nichts verpasst. Liebes Kind von der Autorin hatte mir sehr gefallen - wohl auch wegen dem an die Protagonisten angepassten Schreibstil. Nach Himmelerdenblau werde ich allerdings nicht nochmal zu einem Buch der Autorin greifen - höchstens Hörbuch, wenn es sich ergibt.
HIMMELERDENBLAU| Romy Hausmann | Penguin Verlag| 2025| 443 Seiten | 18,00€