Wertvolle und detaillierte Einblicke in die Nürnberger Prozesse
Müllers großes Talent liegt zweifelsohne in seinem unglaublichen Können, über Geschichte derart detailliert und feinfühlig zugleich zu erzählen, dass der Leser sofort in der Zeit des Romans ist anstatt gelangweilt zu sein. Der Zweite Weltkrieg ist vorbei. Die schier unfassbaren Verbrechen der Nazis sollen geahndet werden. Die Allierten setzen alles daran, Göring, Rippentrob, Keitel und andere wegen ihrer Kriegsverbrechen anzuklagen. Mittendrin arbeitet Asta als Dolmetscherin, die Göring verurteilt sehen will, auch aus persönlichen Gründen. Eine weitere Rolle spielt Leo, ein Kriegsheimkehrer, dessen Verstrickungen lange nicht deutlich werden. Die Episoden um die Prozesse sind präzise recherchiert, gerade die kleinen Details halten im und am Buch. Sie sind interessant, vielschichtig und stellen wie gewohnt Geschichte anschaulich dar, auch weil sie die "normalen" Leute betreffen. So werden Wohnungsnot und Lebensmittelknappheit nicht ausgespart, aber auch nicht im erzählerischen Sinne überdramatisiert. Asta und Leo bleiben für meinen Geschmack allerdings zu lange undurchschaubar und gerade Asta spielt für den Verlauf des Prozesses keine große Rolle, was dem Roman etwas Spannung nimmt. Sie kann letztlich den Verlauf der Verhöre nicht beeinflussen, nicht lenken oder gar den Verlauf der Geschichte ändern.Aber wie gesagt: Hier geht es mir als Leserin weniger um diese beidenHauptfiguren, sondern um erfahrbar erzählte Geschichte. In diesem Fall, nämlich die Nürnberger Prozesse, bedeutet diese Geschichte so viel für unsere Gegenwart. Umso schöner ist es, wenn Müller diesem Thema einen Roman widmet.