Ich habe "A Thousand Words Missing" von Linda Schipp als Hörbuch-Rezensionsexemplar von NetGalley bekommen. Das Buch hat mich wirklich gut unterhalten, und genau das ist für mich immer das Wichtigste. Gleichzeitig gibt es einige Punkte, an denen ich mich gerieben habe und die mich auch nach dem Ende noch beschäftigen.Kolja landet in Leylas Marketingagentur, weil sein Vater ihm dort einen Praktikumsplatz besorgt hat. Da er nichts möchte, was sein Vater für ihn organisiert, setzt er erst einmal alles daran, das Praktikum an die Wand zu fahren. Er hat allerdings nicht mit Leyla gerechnet, die ihn nicht rauswirft, sondern neugierig wird. Die Anziehung zwischen den beiden ist schnell da und es dauert nicht lange, bis sie eine Beziehung beginnen. Diesen Einstieg fand ich richtig spannend, weil ich so etwas bisher noch nicht gelesen hatte.Gerade in der ersten Hälfte des Hörbuchs hatte ich leider oft das Gefühl, irgendwas verpasst zu haben. Zuerst war ich mir nicht sicher, ob ich Teile einfach überhört habe, aber einer Freundin ging es mit diesem Buch genauso. Das hat mich immer wieder rausgerissen. Die zweite Hälfte fand ich dafür unglaublich stark.Leyla wird als erfolgreiche CEO aufgebaut. Als kühler Kopf ihrer Agentur ist sie souverän und hat immer eine Lösung parat. Umso weniger konnte ich nachvollziehen, wie sie sich in Bezug auf Kolja verhält. Sobald es um ihn geht, scheint von ihrem kühlen Kopf nichts mehr übrig zu sein und sie verhält sich wie ein verliebter Teenager. Gleichzeitig warnt ihr Geschäftspartner sie mehrfach davor, dass die Beziehung zu ihrem Praktikanten sie und die Firma ruinieren könnte. Besonders weil Leyla selbst öffentlich gegen Machtmissbrauch in Unternehmen eingetreten ist. Genau das wird ihr später zur Last gelegt: Der Skandal eskaliert, sie wird aus ihrer eigenen Firma suspendiert und verkauft schließlich ihre Anteile.Unglaublich stark fand ich dagegen die Aufarbeitung ihrer Trauer. Die Geschichte spielt ein Jahr nach dem Tod ihres Verlobten. Beruflich hat Leyla weiterhin alles im Griff, während ihr Privatleben vollkommen in Schutt und Asche liegt. Gerade hier mochte ich Kolja sehr, weil er ihr hilft, sich ihrem Leben und ihrer Trauer wieder zu stellen.Bei den Geheimnissen der beiden ging es mir unterschiedlich. Koljas Geheimnis war für mich ziemlich früh vorhersehbar. Leylas Vergangenheit hingegen hat mich vollkommen unvorbereitet getroffen und emotional wesentlich stärker erwischt.Mein größtes Problem bleibt allerdings Leylas Ende. Der gesamte Skandal wäre in dieser Form vermutlich niemals entstanden, wäre sie ein Mann gewesen. Der Verkauf ihrer selbst aufgebauten Firma wird als positive Entwicklung erzählt: Endlich hat sie Freizeit und bekommt mit Kolja ihr Happy End. Nur passt das für mich überhaupt nicht zu der Leyla, die vorher aufgebaut wurde. Sie sagt immer wieder, dass sie alles haben möchte, und am Ende wird ihr sogar gesagt, sie hätte jetzt alles. Aber hat sie das wirklich?Ich wünsche ihr die Beziehung mit Kolja absolut und finde die beiden als Paar wunderbar. Aber eine Frau wie Leyla hätte für mich auch ihre Firma haben können. Eine Frau wie Leyla hätte alles haben können. Und wäre sie ein Mann gewesen, hätte sie vermutlich alles gehabt. Deshalb bleibt die Frage, ob diese Entscheidung sie langfristig glücklich macht oder ob sie wieder Verantwortung für alle anderen übernimmt und dabei ein weiteres Baby verliert - diesmal die Firma, die sie selbst aufgebaut hat.Das Buch behandelt außerdem schwere Themen wie den Verlust eines Kindes und eines geliebten Menschen, Depressionen, Kaufsucht, Analphabetismus, Schuld und Trauer. Besonders Leylas ehemalige Fast-Schwiegermutter hat mich wütend gemacht. Dass ihre Trauer derart in Hass auf Leyla umschlägt, fand ich teilweise kaum auszuhalten.Eine letzte Überraschung hatte das Nachwort für mich. Zunächst dachte ich, ich würde ein klassisches Nachwort der Autorin hören, bis ich gemerkt habe, dass es noch zur Geschichte gehört. Und ausgerechnet dort kam der Plot Twist, mit dem ich überhaupt nicht gerechnet hatte und der mich richtig zum Schmunzeln und Lachen gebracht hat.Vielleicht ist genau das die Stärke dieses Buches: Ich bin mit einigen Entscheidungen überhaupt nicht einverstanden und trotzdem beschäftigt es mich weiter. Und Bücher, über die ich noch lange nachdenke, haben offensichtlich irgendetwas richtig gemacht.