
In Zeiten einer neuen Barbarei, da Staats- und Regierungschefs die Welt aufteilen wie Mafiosi, entwirft Viktor Jerofejew ein grell schillerndes Panorama menschlicher und politischer Abgründe, in dem Wahrheit zum Spiel und Moral zur Attitüde wird.
Während Putin als »Pontschik« erscheint - ein in Öl gebackener Krapfen mit Loch in der Mitte, Symbol einer aufgeblähten Leere -, geriert sich die Opposition in der Pose der Märtyrer. Im Zentrum steht die »Russische Schuld«, eine weibliche Allegorie des Landes und Objekt der Begierde des Protagonisten. Mit ihr macht sich Jerofejews Alter Ego auf ins »Himmlische Moskau«, eine surreale Landschaft zwischen Traum, Erinnerung und Farce, in der Geschichte und Gegenwart ineinanderstürzen. Dort begegnen sich Stalin und Rilke, Zwetajewa und Merkel, und selbst die großen russischen Klassiker - von Puschkin bis Tolstoi - treten als Zeugen einer endlosen Wiederkehr der Gewalt auf. In dieser alchemistischen Mischung aus Autobiografie, Essay und Allegorie entsteht das Bild eines Landes, das an seiner eigenen Mythenlust zerbricht - und zugleich den Leser in den Sog seiner Sprache reißt. Die neue Barbarei ist Jerofejews radikalstes Buch: Satire, Dichtung und tragikomische Liebeserklärung an ein Russland, das sich selbst verloren hat.
Besprechung vom 24.03.2026
Vernichtungslüstlinge beim Hexensabbat
Viktor Jerofejew macht in der Romanphantasie "Die neue Barbarei" die russische Schuld zu seiner Geliebten und Muse.
Die Frage, wer für die Untaten verantwortlich ist, die Russland an sich und seinen Nachbarn verübt, steht seit jeher im Raum. Heute stellt sie sich angesichts seines andauernden Krieges gegen die Ukraine und des Rückfalls in ein totalitäres System für die russische Kultur in existenzieller Weise. Die jahrzehntelange Arbeit der Gesellschaft Memorial, die über Verbrechen des Staates gegen eigene und fremde Bürger aufklärte, scheint umsonst gewesen zu sein, kritische Intellektuelle sind verstummt oder haben das Land verlassen.
Zu Letzteren gehört auch der nach Beginn der Vollinvasion Richtung Berlin ausgereiste Schriftsteller Viktor Jerofejew, der seinen Landsleuten jetzt bescheinigt, dass ihnen für historisches Schuldempfinden überhaupt das Organ fehle. Den künstlerischen Beweis führt er in seiner hochambitionierten, im literarischen Genremix schillernden Romanphantasie "Die neue Barbarei", die, in vorzüglicher Übersetzung der bewährten Beate Rausch erschienen, in der die russische Schuld als Person mit eigenem Schicksal auftritt.
Als Schlüssel zu seinem mehr als vierhundert Seiten starken Textkaleidoskop, welches das Schuldthema bald essayistisch, bald szenisch, als Liebesabenteuer, allegorisches Drama oder als Horrorburleske entfaltet, dient Jerofejews Erinnerung an seine Großmutter, die über die von ihr zerbrochene Porzellantasse immer nur sagen konnte, diese sei irgendwie von selbst kaputtgegangen. Aus solchem gleichsam genetisch programmierten Ausblenden von Verantwortung spricht für ihn die im Generationengedächtnis eingeschriebene Erfahrung wiederkehrender staatlicher Repressionswellen, die verdiente Leute oder Unbeteiligte wie mit dem Zauberstab in Schwerverbrecher verwandelt und der Vernichtung überantwortet. Vergessen wird da zum Überlebensvorteil. Daher, prophezeit Jerofejew, würden die Russen ihren Angriffskrieg gegen die Ukraine vergessen, so wie sie auch ihre Kriege gegen Finnland oder Afghanistan im Grunde vergessen hätten.
Die russische Schuld - russkaja wina, kurz Ruwi - erscheint entsprechend als attraktive Romanfigur von 32 Jahren, also aus der Generation von Memorial und Russlands Aufbruch nach Europa. Sie wird für den Autor, den in Paris seine De-Sade-Lektüre geprägt hat, zur Lebensabschnittsgefährtin, einer empathiestarken, in Egosex-Szenen gefeierten Muse, die mit ihm Geheimräume seiner Heimatkultur erkundet, etwa den Nachtklub "Folterkultur", wo prominente Staatspropagandistinnen sich durch Bluttaten befriedigen. Sie lässt den politischen Märtyrer Alexej Nawalnyj und den Gewaltideologen Wladlen Tatarski, die während und wegen des Krieges ermordet wurden, ihren Särgen entsteigen. Und sie organisiert im Moskauer Institut für Weltliteratur, das Jerofejew einst wegen seines unabhängigen Metropol-Almanachs hinausgeworfen hatte, einen "Hexensabbat", bei dem klassische (also tote) mit zeitgenössischen Autoren über Russlands historische Schuldfähigkeit debattieren.
Die Szene, die sich an nichts Geringerem misst als dem aus dämonischer Sicht Schuldfragen entscheidenden Satansball in Michail Bulgakows "Meister und Margarita", ist das Herzstück des Romans. Denn hier polemisiert Jerofejew mit Karl Jaspers und Hannah Arendt, deren Schriften zur deutschen Schuldfrage und zum Kaderkonformismus im heutigen Russland Bestseller und für viele russische Intellektuelle Deutungshilfen für die Lage ihres Landes sind. Doch Jaspers' und Arendts Imperativ, Lügen zu erkennen und sich als Teil der Menschheit wahrzunehmen, könnte bei Russen nicht verfangen, sagt das Autor-Ich. Denn diese würden als Menschen nur sich selbst anerkennen, so der Autor, der seinem Volk de facto eine faschistoide Grundhaltung zuschreibt, zudem sei die Propagandarealität für Russen eine Gegenwahrheit, die sie von der Nachahmung des Westens befreie. Ruwi ergänzt, die Russen seien "hirnlose" und damit im Sinne Freuds wahre Menschen. Und als der in den USA lebende Denker Michail Epstein mahnt, Russlands quasireligiöse Ideologie mit ihrem Kriegs- und Todeskult sei deswegen so gefährlich, weil Atomwaffen den Weltuntergang zu einer realen Option machten, stimmen der Geist Putins, für dessen Lust am Töten und Zerstören der Autor den Terminus Nekro-Hedonismus geprägt hat, und der seines Chefapokalyptikers Alexander Dugin emphatisch zu.
Die literarische Biographie der russischen Schuld besteht vor allem aus Extremerfahrungen. Ruwi begleitet Frontkämpfer und Kriegsversehrte, erträgt sadistische Folter und das Verdikt der Repressionsapparate, es gäbe sie gar nicht. Sie versucht sogar, den russischen Kern in sich zu töten, als sie erkennt, dass die russische Geschichte vor allem aus der periodisch sich wiederholenden Vernichtung der besten eigenen Kräfte besteht - Jerofejew prägt dafür den treffenden Ausdruck Autogenozid.
Als Zeitkritiker, welcher der 1947 geborene Autor auch sein will, sieht er indes sowohl sein eigenes Land als auch seine europäische Zweitheimat, ja überhaupt den Westen in eine kulturelle Entropie abgleiten, die einer neuen Barbarei Vorschub leistet. Als schauriges Symbolbild dafür dient seine Kindheitserinnerung daran, wie Moskauer Schulkameraden mit Totenschädeln, die von einem entweihten Friedhof stammten, Fußball spielten (was einige von ihnen bezeichnenderweise dann vergaßen). Doch trotz der Barbarei der Bolschewiken sei in jener Zeit noch ein Rest vorrevolutionärer Humanität übrig gewesen, an welche die Intelligenzija des "Tauwetters" unter Chruschtschow appellieren konnte, versichert Jerofejew rückblickend. Jetzt hingegen fahnde das oppositionelle Russland nach Zukunftsideen in Westeuropa, dessen "metaphysische" Ressource jedoch - so sein Befund angesichts der postchristlichen Politkorrektheit hierzulande - weitgehend aufgebraucht sei.
Wohl deshalb ist das beherrschende, die anderen letztlich verschlingende Genre in diesem vielleicht stärksten Buch Jerofejews das Zaubermärchen, das, so der Autor, das russische Bewusstsein fest gefangen halte. Seine Poetik ermöglicht ein Tischgespräch zwischen Koryphäen der Wissenschaft und Suppeningredienzien, deren Sicht auf Schuld und Verantwortung unterschiedlicher nicht sein könnte. Und es erlaubt, in Nawalnyj den archetypischen Einfaltspinsel zu erkennen, weil er ebenso an ein wunderbares Russland der Zukunft wie an die prinzipielle Unschuld des Volkes glaubte. Gleichwohl erkennt der Autor in ihm auch den christlichen Märtyrer, dessen Selbstaufopferung weit über sich hinausweist und dessen gefährdete Anhänger Russlands einzige Hoffnung sind. KERSTIN HOLM
Viktor Jerofejew: "Die neue Barbarei". Roman.
Aus dem Russischen von Beate Rausch. Matthes & Seitz, Berlin 2026.
444 S., geb.
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