Eine gut recherchierte und schön gestaltete Biografie des Mannes, der die deutsche Presselandschaft nach dem Krieg aufgebaut hat.
Susanne Falk hat mit Feindbegegnung, erschienen im Molden Verlag, eine spannend geschriebene Biografie von Hans Habe vorgelegt. Die Germanistin hat über Habe promoviert. 1911 als János Békessy in Budapest, Österreich-Ungarn geboren, wächst er in einer gut bürgerlichen Familie auf: mit einer Mutter, die als Lehrerin arbeitet, und mit einem Vater, der als umstrittener Verleger und mit verschiedenen Zeitschriften die damalige Verlagslandschaft aufmischt. Hans Habe hat also einen mächtig Eindruck machenden Vater, ein prägendes Vorbild, die Autorin nennt es einen Übervater. Es gibt eine unschöne öffentliche Fehde zwischen dem Vater und dessen Intimfeind, dem Verleger Karl Kraus. Es ist von einem Revolverblatt und Schuft die Rede, der Ruf der Familie wird beschädigt. Als Imre Békessy das Land verlässt, bleibt der Junge bei seiner Tante in Wien zurück. Aber der Junge macht seinen Weg. Habe wird einer der interessantesten und erfolgreichsten österreichischen Autoren und Journalisten des zwanzigsten Jahrhunderts.
Habe will in Heidelberg Jura und Germanistik studieren. Obwohl er evangelisch getauft ist, bekommt er Schwierigkeiten wegen seiner jüdischen Herkunft, sodass er nach Wien zurückkehrt. Er ändert seinen Namen: Hans ist die deutsche Übersetzung von János und Habe steht für die Anfangsbuchstaben von Hans Békessy. Er ist rastlos und arbeitet unermüdlich. Zum ersten Mal so richtig bekannt wird er, als er für die Wiener Sonn- und Montagspost tätig ist. Dort veröffentlicht er einen Artikel über den bisherigen Werdegang Hitlers und, dass dessen Vater eigentlich Schücklgruber heißt. Bereits mit dreiundzwanzig Jahren gibt er eine Tageszeitung heraus. Danach berichtet er aus Genf als Auslandsberichterstatter für das Prager Tagblatt, wo auch schon Kisch und Roth gearbeitet haben. Als Auslandskorrespondent nimmt er 1938 an der Konferenz von Èvian teil. Sein erster Roman erscheint 1936: Drei über die Grenze.
Habe hinterlässt ein beeindruckendes Werk mit unzähligen, in verschiedenen Sprachen übersetzten und teilweise verfilmten Romanen, darunter den Kriegsroman: Ob Tausend fallen. Viele seiner Bücher sind Bestseller. Aber er ist kein Star, sondern im Gegensatz zu seinen Romanen als Person unbeliebt, weil er unbequem ist. Habe wird nach dem Krieg zur Zielscheibe der linken Studentenbewegung, weil er sich an die Seite von Springer stellt, der einseitig berichtet. Dass er empört ist, ist allerdings trotzdem verständlich. Denn er und weitere, die für Springer arbeiten, sind mitnichten Faschisten, werden aber von den Anhängern der Studentenbewegung als solche bezeichnet. Sehr viele Springer-Journalisten sind wie er früher Ritchie Boys gewesen, die gegen die Nazis kämpften, und deshalb über jeden Verdacht erhaben.
Habe wird 1938 ausgebürgert, seine Bücher werden verboten. Er geht ins Exil nach Frankreich und meldet sich als Freiwilliger und kämpft als Soldat gegen die Deutschen. Als er gefangen genommen wird, gelingt die Flucht. Zusammen mit seiner Frau rettet er sich durch Frankreich und Spanien nach Portugal. Diese abenteuerliche Flucht thematisiert sein Freund Remarque in dem Buch: Die Nacht von Lissabon. Habe kehrt als amerikanischer Abwehroffizier nach Europa zurück. Auch Habe gehört zu der Spezialeinheit der Richie Boys des amerikanischen Militärs und wird Ausbilder, zuletzt im Dienstgrad eines Majors. Habe leitet außerdem eine Abteilung innerhalb der Stabsgruppe für Propaganda und psychologische Kriegführung, die Frontzeitungen herausgeben soll. Er baut die neue demokratische deutsche Presselandschaft nach dem Krieg mit einer kleinen Gruppe brillanter Köpfe auf. Es werden 18 neue Zeitungen gegründet. Als wichtigstes Zeitungsprojekt wird die Gründung der Neuen Zeitung aufgefasst. Habe fungiert als Chefredakteur, Erich Kästner ist Feuilleton-Chef.
Falk listet am Schluss noch einmal alle Feindbegegnungen Habes auf. Seine Feindbilder richteten sich fast immer auch gegen jene, die sich antisemitisch äußern. Er legt sich mit Rudolf Augstein an, der 1950 zwei ehemalige SS-Hauptsturmführer einstellt. Habe arbeitet sich an einigen der Gruppe 47 ab, die z. B. den jüdischen Autor Celan bei einer Lesung ausgelacht und diffamiert haben und das sieben Jahre nach dem Holocaust. Obwohl die Gruppe 47 aus dem Wunsch entsteht, sich vom Nazi-Regime abzugrenzen, schafft sie paradoxerweise eigene Tabuzonen und Verdrängungsmechanismen. Der selbst oft Angefeindete bleibt sich treu und besucht Israel und schreibt ein Buch darüber. Er kehrt nach dem Tod seiner Tochter in Hollywood zu seinen jüdischen Wurzeln zurück. Von dem Schicksalsschlag erholt er sich nicht mehr. Vermutet wird, dass der ungeklärte Todesfall der Tochter, einer jungen Schauspielerin, ein Manson-Sekten-Mord gewesen sein könnte. Dessen Anführer hat einen Rassenwahn und tätowiert sich in der Haft ein Hakenkreuz auf die Stirn. In Hollywood leben natürlich viele ehemalige Exilanten, so auch Polanski, dessen Frau sich unter den Opfern von der Manson-Familie befindet.
Fazit: Auch interessant, dass Hans Habe und Erika Mann, obwohl sehr verschiedener Meinung, fast bis zum Schluss eine tiefe Freundschaft aufgrund ihrer Geschichte als Exilanten verbindet. Dadurch dass Falk die Freundschaften und Feindschaften Habes ausgegraben hat, habe ich auch noch selbst weiter recherchiert. Ich finde vieles, was Habe bewegt hat, gut erklärt. Die Persönlichkeit und seine Motive hat Falk gut herausgearbeitet. Das Buch von der Autorin Falk ist eine umfassende und gelungene Biografie über die Person Hans Habe und absolut lesenswert.