!n der mecklenburgischen Provinz thront das Eden ein Luxusresort, dessen makellose Fassade bereits bröckelt. Nicht nur wirtschaftliche und organisatorische Mängel, sondern auch der schleichende Verfall der Zeit zeugen vom Niedergang. Auch der Mutterkonzern will sich des deutschen Standorts entledigen. Doch hinter den glatten Oberflächen der Gäste und Mitarbeitenden verbergen sich Abgründe, die weit über das Offensichtliche hinausgehen. Hier formiert sich eine Schicksalgemeinschaft am Rande des Kollapses, in der die Selbstzerstörung mitunter als einziger Ausweg erscheint.
Der Roman entfaltet sich aus den Blickwinkeln von sieben Hauptfiguren: die Hotelmanagerin, ihre Assistentin, ein ukrainischer Flüchtling, der im Hotel angestellt ist, ein Zwillingspaar, das von der mütterlichen Rente lebt, eine Comedienne, ein Tabakmanager, der seine Frau an den Klimaaktivismus verloren hat und ein weiterer Herr. Ihre Schicksale, Motive und Hintergründe werden zu einem Spiegelbild unserer Gesellschaft oder vielmehr: zu einem verzerrten Abbild, das bei mir Unbehagen auslöst. Wenn die erzählten Straftaten tatsächlich als gesellschaftstypisch gelten sollen, bleibt ein bitterer Nachgeschmack.
German Glück wird zwar mit beißendem Humor beworben, doch dieser Einschätzung kann ich mich nicht anschließen. Die meisten Schicksale lesen sich eher wie eine Abfolge von Tragödien. Allerdings muss man konstatieren: Der zeitliche Abstand zwischen Veröffentlichung und Handlung macht dem Autoren Simon Urban einen Strich durch die Rechnung, denn die Deutschen sind ja bekannterweise doch nicht so gut in der Rettung eines halbtoten Wals.
Faszinierend sind die Verflechtungen zwischen den Figuren. Trotz des vorherrschenden älteren Publikums im Hotel sind die Geschichten und Charaktere vielfältig. Immer wieder werden Vergleiche zwischen damals und heute gezogen sei es in beruflicher Hinsicht, wo Jobchancen früher größer waren und heute durch KI ersetzt werden (aus Sicht des Autors), oder im Bereich des Humors, der damals noch Freiräume hatte, die heute undenkbar wären. Auch die DDR-Vergangenheit der Region und einiger Figuren bleibt nicht unberücksichtigt.
Der Titel des Buches findet im Roman seine Deutung: Ein ukrainischer Flüchtling stellt fest, dass das Unglück deutsch sei und die Deutschen daher unglücklich. Eine These, die im Buch immer wieder untermauert wird und die bei mir den Impuls weckt, sie gerade nicht zu übernehmen.
Trotz aller inhaltlichen Schwere besticht der Schreibstil: prägnant, wortgewandt und von einer Bildhaftigkeit, die Orte und Speisen lebendig vor dem inneren Auge erstehen lässt. Nur beim Long Island Iced Tea bleibt die Frage: Was hat der Barkeeper hier falsch gemacht?
Ein herausragender Roman mit einer scharfsinnigen Gesellschaftskritik, prägnanten Schreibstil und lebendige Charaktere, der jedoch starke Nerven erfordert. Grundkenntnisse der englischen Sprache sind von Vorteil, da einige Dialoge auf Englisch geführt werden.