Selten musste ich so stark mit mir hadern, ob eine Rezension persönliche Informationen zu mir enthalten sollte oder nicht. Ich habe mich dafür entschieden, weil dadurch die Einordnung des nun gleich Gesagten hoffentlich ein zusätzliches Gewicht bekommt, einen zusätzlichen Dreh.
Paula Fürstenberg, Jahrgang 1987, ostsozialisiert, legt mit Niewiedervereinigung einen politischen Langessay zum Thema 89/90, oder wie es viele nennen die Friedliche Revolution und Die Wende, die Deutsche Wiedervereinigung vor. Darin formuliert sie nicht nur 100, sondern ganze 161 Zwischenrufe, die hinterfragen, wie die letzten 37 Jahre seit Beginn der Demonstrationen in der DDR bis heute mit einem Höchststand an Zuspruch für eine offen rechtsradikale Partei gelaufen sind was gut gelaufen ist und vor allem was schiefgelaufen ist. Sie beleuchtet das Aufwachsen als Nachwendekind in den sogenannten Baseballschlägerjahren nach der Vereinigung von Ost- und Westdeutschland. Sie gibt Antworten auf das Warum, wenn immer wieder gefragt wird, warum denn nun gerade die Ostdeutschen sich zu der rechtsradikalen Polemik hingezogen fühlen und das das gar nicht nur so ist, sondern es ähnliche Tendenzen auch in Westdeutschland gab und gibt. Und sie zeigt Wege auf, um nicht nur politisch, sondern auch innerlich, sprachlich mit einer Sprachlosigkeit um diesen Themenbereich umzugehen.
Die Autorin und ich sind ein Jahrgang. Auch ich bin ostsozialisiert. Auch ich bin in diesen Nachwendejahren aufgewachsen, nur dass ich damit nicht Baseballschläger, sondern Schlagring, Butterflymesser und Kartoffelkanone mit der Aufschrift 88 verbinde. Und ich erlebte und erlebe es aus einem anderen Blickwinkel, war ich doch eine von den Alternativen der linken Subkultur mitten in einer Familie von Rechtssympathisanten und einem offen rechtsradikalen Bruder. Wie wichtig, dass Paula Fürstenberg erwähnt, dass selbst das damals gängige Wort der Alternativen Szene heutzutage so nicht mehr genutzt werden kann, haben es ja nun ganz andere Leute für sich okkupiert. Wie so viele andere Begrifflichkeiten, wie zum Beispiel der Dritte Weg uvw.
Ich persönlich bin in Fürstenbergs Zwischenrufen während der Lektüre versunken. Oder bin ich in den Erinnerungen an diese Jahre und der Verzweiflung der aktuellen Jahre versunken? Unglaublich klug und gleichzeitig schlüssig und leicht verständlich stellt sie Zusammenhänge her und weist auf Gedächtnislücken und Verdrängtes hin. Dabei geht es gar nicht einmal darum unglaublich viel Neues zu Papier zu bringen, sondern die unterschiedlichen Ströme zu bündeln, wie es Max Czollek im Nachwort beschreibt. In politischen Beiträgen, im Feuilleton in Diskussionen wurden diese und ähnliche Argumentationen und Gedanken bereits früher geäußert. Hier finden sie aber eine kraftvolle Bündelung, die ins Mark trifft. Sie hinterfragt, ob es die innere Einheit, also die mentale, geistige, kulturelle, emotionale Seite der Einheit überhaupt braucht, ob wir nicht viel eher anerkennen sollten, dass die ost- und westsozialisierten Menschen nun einmal unterschiedlich sind und auch sein dürfen und es viel mehr notwendig sei, dies anzuerkennen und damit zu arbeiten. Sie betrachtet die Tendenzen zu Ostlob und Ostbeschimpfung, die gleichermaßen falsch erscheinen.
Mit dem Begriff Niewiedervereinigung meint sie verschiedene Dinge, die in den Zwischenrufen hergeleitet werden. Warum eigentlich Wiedervereinigung Deutschlands? Zu welchem Deutschland kehrten denn die beiden Hälften zurück mit diesem wieder? Dem Hilterdeutschland des Dritten Reichs? Dem Deutschland zu Zeiten Bismarcks? Und hieß es nicht eigentlich immer nie wieder, wenn es um Krieg, Faschismus, Antisemitismus und Rassismus ging? Und jetzt bewegt sich dieses nach außen einige Deutschland wieder genau in diese Richtung.
Könnten nun einige Leser:innen voreilig denken, dass dieses links-grün-versiffte Nachwendekind die DDR und die Jahre danach durchweg kritisiert, dann liegen sie falsch. Denn Paula Fürstenberg geht immer wieder sehr wertschätzend mit den Menschen, ihren gebrochenen Biografien, ihren Errungenschaften und Wünschen um. Sie zeigt auf, wie eine andere Sprache für die weit verbreitete Sprachlosigkeit gefunden werden kann und wann es einfach keine Sprache gibt für manche Sachverhalte. Sie lässt viele Zeitgenossen:Zeitgenossinnen, Denker:innen und Künstler:innen zu Wort kommen und befindet sich durchgängig im literarischen Gespräch mit ihnen.
Dieser Text gibt den Lesenden unglaublich viele Denkanstöße und vor allem Diskussionsanstöße mit, um mit ihrem sozialen Umfeld ins Gespräch zu kommen. Um mit Eltern, Geschwistern, ost- und westsozialisierten Freund:innen die eigenen Erfahrungen zu besprechen und nach Möglichkeiten für eine Zukunft zu suchen. Und würden einige Berufspolitker:innen das Buch lesen, bekämen sie sicherlich auch noch einmal sehr deutlich dargelegt, was es bräuchte, um eventuell und ganz vielleicht das Ruder noch herumzureißen, bevor wir uns in diesem nun vereinigten Deutschland wieder auf den Weg hin zum Faschismus machen.
Ach meinem persönlich Geschmack hätte es das Nachwort durch den ebenso 1987 geborenen und ostsozialisierten Max Czollek nicht zwingend gebraucht. Aber nun ist es einmal da und hat ebenso seine Berechtigung und Mehrwert.
Ich kann dieses niemals trockene, niemals sperrige, sondern immer aufschlussreiche und um erfrischende Gedanken reiches Buch einfach nur jedem und jeder empfehlen. Egal ob ost- oder westsozialisiert, egal welcher Generation sie angehören, dieses Buch verdient eine große Leserschaft, die dadurch hoffentlich angeregt wird in die Diskussion und ins Handeln zu kommen.
5/5 Sterne