Das Cover würde ich mir als Bild genau so in mein Lesezimmer hängen. Zu sehen ist eine gemalte Landschaft am Meer. Zwischen zwei Kurven einer schmalen Straße liegt auf der rechten Seite ein weißes Häuschen mit rotem Dach. Folgt man der Straße, wird der Blick auf die Steilküste und das Meer frei. Klappt man das Buch auf, bilden Rückseite und Cover ein zusammenhängendes, schönes Ölgemälde.
Weiterleben von Patrick Charnley erschien im Dumont Buchverlag. Aufmerksam wurde ich auf das Buch bei der Programmvorschau auf der Leipziger Buchmesse. Im Sommer trudelte die Hardcover-Ausgabe bei mir ein und schenkte mir ein paar schöne Lesestunden. Dabei habe ich das Buch wechselweise gehört oder gelesen. Das Hörbuch wurde übrigens von Aram Tafreshian eingelesen. Die Geschichte spielt in Cornwall und handelt von Jago Trevarno, der in einfachen Verhältnissen bei seinem Onkel direkt an der Küste lebt und sich dort von seinem Beinahe-Tod und den Folgen erholt.
Jago ist der Ich-Erzähler der Geschichte. Zu Beginn glaubte ich, er sei ein Mann in mittleren Jahren und Onkel Jacob müsse damit ein alter Mann sein. Doch meine Vorstellung wurde sehr bald relativiert, denn Jago ist gerade mal 20 Jahre jung, und damit wird sein Erlebnis und die damit verbundene Erschöpfung viel ergreifender. Neugierig habe ich verfolgt, wie er die Tücken seines nicht mehr ganz funktionierenden Kurzzeitgedächtnisses meistert. Aber lies am besten selbst. Mit dabei ist durch den Schurken Bill Sligo aus der Nachbarschaft auch noch ein gewisses Maß an Spannung.
Ich war sehr schnell mitten in der Geschichte und habe Jagos Erzählung gespannt verfolgt. Ich darf ihm im Alltag auf dem Hof seines Onkels über die Schulter schauen. Dabei muss ich gar nicht so viel schauen, sondern darf einfach zuhören, denn er beschreibt sein Vorgehen und seine Umgebung detailliert. So sehe ich ihn förmlich vor mir, wie er gerade wieder Holz auf den Ofen legt, um für Wärme, aber auch für die Zubereitung des Frühstücks zu sorgen.
Mit den Beschreibungen bekam ich ein gutes Gefühl für die Umgebung und konnte mir das Haus gut vorstellen. Schmunzeln musste ich bei der Abwesenheit von elektrischem Strom im Haus und dem Kompromiss, einzig im Schuppen eine Steckdose für die Kühltruhe zu betreiben. In Gedanken war ich so immer wieder beim Haus eines Nachbarn meiner Kindheit. Dort gab es zwar Strom und auch Wasser im Haus, allerdings kein wirkliches Badezimmer in dem Sinne, sondern noch ein Häuschen mit Herz in der Tür auf dem Hof.
Vor dem Beginn der eigentlichen Geschichte erfährst du durch eine kurze Anmerkung des Autors etwas zu seinen Beweggründen. Patrick Charnley hat selbst die Erfahrung gemacht, die er seinem Protagonisten mit der chronischen Erschöpfung andichtet. So wirken die Gedanken und Handlungen sehr authentisch, und man bekommt ein Gefühl dafür, wie viel Kraft es den Autor gekostet haben muss, dieses Buch zu schreiben, da er sich vermutlich immer wieder in die Geschichte einlesen musste.
Ich finde es spannend, wenn solche einschneidenden Erlebnisse in einen Roman eingebaut und verarbeitet werden. Bei mir sorgen sie dafür, dass ich mich der Geschichte noch näher fühle als sonst. Daher lese ich immer wieder gerne Geschichten mit autobiographischen Bezügen, auch wenn wir hier eine rein fiktive Geschichte vor uns haben, die ich bis zum Schluss einfach nur verschlungen habe.
Hast du dem Tod schon mal ins Auge geblickt? Magst du Geschichten mit sehr authentischen Figuren, die sich durch Krankheit ein neues Leben aufbauen müssen? Dann habe ich hier einen ganz besonderen Roman für dich. In Weiterleben von Patrick Charnley darfst du den Protagonisten bei seinen täglichen Herausforderungen begleiten. Diese fangen schon mit dem Aufstehen und der Essenszubereitung an und ziehen sich mit immer wiederkehrender Erschöpfung durch den Tag. Es ist eine Geschichte, die dich lehrt, wie glücklich du dich schätzen kannst, dass dein Kurzzeitgedächtnis Informationen aufnehmen und speichern kann und du nicht jedes Detail aufschreiben musst, damit du dich auch morgen noch daran erinnern kannst. Ich habe die Geschichte einfach nur verschlungen und empfehle sie sehr gerne weiter.