
Nadine Schneiders Roman »Das gute Leben« ist eine große Mütter-Töchter-Geschichte über vier Generationen, ein Buch von Abschied, Neuanfang und der Arbeit des Lebens.
Es ist Spätsommer, und im Garten sind die Trauben reif, als Christina das Haus ihrer Großmutter Anni erbt. Hier, in einem kleinen Dorf bei Nürnberg, ist sie bei Anni aufgewachsen: Anni, die Mitte der sechziger Jahre aus Rumänien nach Deutschland flieht. Anni, die ganz allein ihr Kind und ihr Enkelkind aufzieht und beim Quelle-Versand Pakete packt, die ins Wirtschaftswunderland verschickt werden. Die gegen Einsamkeit, Armut und Fremdsein kämpft, mit Zähigkeit, Kraft und Pflichtbewusstsein. War das das Leben, von dem sie geträumt hat? Oder hat sie beim Leben das Leben verpasst?
Zögernd verabschiedet sich Christina von Anni und ihrem Haus. In der stillen Wärme der letzten Sommertage versinkt sie immer tiefer in ihren Erinnerungen, stößt auf überraschende Fundstücke und fährt auch zu dem inzwischen verlassenen Gelände des Quelle-Versandzentrums. Ihren eigentlich geplanten Urlaub hat sie abgesagt, und von ihrer Arbeit dringen nur gelegentliche Mails zu ihr. Und allmählich erkennt sie, was sie ihrer Großmutter wirklich verdankt: die Freiheit, loszulassen und selbst den Ort zu finden, wo das gute Leben zu Hause ist.
»Dieser Sprache gelingt etwas: atemlos und gleichzeitig voller Ruhe zu erzählen. «
Zsuzsa Bánk
Besprechung vom 28.03.2026
Topographie der Quelle
Nadine Schneiders Roman "Das gute Leben" ist ein Dreigenerationenporträt von Frauen, eine Migrationserzählung und eine Sozialgeschichte der Bundesrepublik.
Der Onkel lacht. Ach Gott, sagt er und ascht in den Teelichthalter, ihr und die Männer." Es ist leicht für den alten Ludwig, über seine Schwester, Nichte und Großnichte zu urteilen. Die Schwierigkeiten dieser drei Verwandten im Leben zu verstehen. Oder das, was Ludwig für ihre Schwierigkeiten hält. Natürlich geht es um die Männer. Wobei Ludwig die Schuld den Frauen zuweist, denn die haben einfach nie die richtigen Männer gefunden. Seine Schwester Anni ließ sich als junge Frau mit einem Studenten ein, und so kam Helene zur Welt, die sich dann einen in Deutschland stationierten US-Soldaten anlachte, mit dem sie in die Vereinigten Staaten ging, um dort unglücklich zu werden. Beider Tochter Christina aber blieb zurück bei Anni und ist zum Zeitpunkt der Rahmenhandlung des Romans als junge Frau wieder einmal solo, als sie mit dem lachenden Onkel spricht.
Nadine Schneiders Roman "Das gute Leben" jedoch schaut auf das, was Ludwig nicht sieht: das Leben von Frauen, die sich nicht über ihre Männer definieren, sondern über das, was sie tun. Anni Hoffmann tat im Jahr 1964 das, was schon in den beiden Vorgängerromanen von Nadine Schneider getan werden musste (wenn auch erst zu späteren Zeitpunkten): die Ceausescu-Diktatur in Rumänien verlassen. So wie Hans in "Drei Kilometer" und Johannes in "Wohin immer ich gehe". Doch in diesen Geschichten waren es Männer, und die Frauen blieben in Rumänien zurück. Nicht so im Fall von Anni.
Sie wird ihren eigenen Weg gehen, erst nach Deutschland und, in der Nähe von Nürnberg angekommen, als Berufstätige. Anni geht zum Versandhaus Quelle und wird dort 35 Jahre lang arbeiten, als Verpackerin. Als ihr dann gekündigt wird, nur zwei Jahre vor der Rente, bricht eine Welt für sie zusammen. "Ich habe Anni noch nie so gesehen", erzählt Christina, "Anni ist wütend, eine stille, beleidigte Wut, sie nimmt es persönlich, was ihr passiert ist, so wie sie immer alles persönlich nimmt. Für Anni gibt es keine Schicksalsschläge, keine unglücklichen, dummen Zufälle, für sie gibt es nur Strafen, die sie nicht versteht. Sie versteht nicht, warum gerade ihr das passiert, ihr, die doch immer versucht hat, alles richtig zu machen."
Woran Nadine Schneiders Roman, der nach Annis Tod einsetzt, indes keinen Zweifel lässt: Diese Frau hat auch viel falsch gemacht. Nicht auf der Flucht, nicht bei der Entscheidung, sich in den unemanzipierten Sechzigerjahren als alleinerziehende Mutter durchzuschlagen, aber im Umgang mit ihrer Tochter Helene. Schneider findet dafür eine lapidare Formulierung: "Das erste Kind, Helene, bringt Anni durch, doch das zweite, Helenes Kind, liebt sie dann. Zumindest behauptet Helene das." Darin wird ein Mutter-Tochter-Konflikt deutlich, der sich im Verhältnis zwischen Helene und Christina wiederholen wird. Nur dass Christina eben eine Großmutter hat, von der sie sich geliebt fühlt. Helene hatte niemanden.
Nadine Schneider, geboren 1990 in Nürnberg, stammt aus einer rumäniendeutschen Familie. Dass etliches von dem, was sie über Anni erzählt, aus den eigenen Familienerinnerungen stammt, zeigt sich an ihrer psychologischen Einfühlungskraft, die in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur kaum ihresgleichen hat. Und an der Erfahrungssättigung ihrer Prosa, obwohl die Autorin selbst nur das erlebt haben kann, was ihrer Ich-Erzählerin Christina widerfährt. Aber das Zentrum des Geschehens ist Anni, und nach Annett Gröschners Blumenbinderin und Kranfahrerin Hanna aus "Schwebende Lasten" wird uns damit in kürzester Zeit die zweite grandiose Arbeiterinnenfigur in einem Roman beschert.
Diese allerdings arbeitet in Westdeutschland, und was sie dort beim Versandhaus Quelle findet, ist mehr neue Heimat, als die Bundesrepublik sonst für sie bereithält: Solidarität unter den Kolleginnen und Bewunderung für die Firmenchefin Grete Schickedanz. In einer hinreißenden Szene treffen die beiden Frauen aufeinander (in wechselseitigem Respekt), doch das ist nur eine von drei für Annis Leben entscheidenden Konstellationen mit Grete Schickedanz, nachdem ein Foto des Unternehmerehepaars in einer Illustrierten Anni in den Sechzigerjahren überhaupt erst auf Quelle als mögliche Arbeitgeber aufmerksam gemacht hatte und bevor 1994 beim Begräbnis von Grete Schickedanz der letzte Identifikationsmoment der Angestellten mit dem Versandhaus erfolgte.
"Das gute Leben" als Titel benennt nicht nur das, was Anni sich in Deutschland erhofft. Er benennt auch, auf welche Verheißung Quelle sein Geschäftsmodell gründete. So ist der Roman mehr als ein Dreigenerationenporträt von Frauen; er ist auch eine Sozialgeschichte der Bundesrepublik anhand eines ihrer ehedem prominentesten und populärsten Unternehmen. Als Quelle 2009 seine Tätigkeit einstellte, verlor die Region Nürnberg nicht nur zahlreiche Arbeitsplätze, sondern auch einen Identitätsträger, dessen äußeres Wahrzeichen der Quelleturm auf dem Nürnberger Unternehmensgelände war. Dort, wo Anni gearbeitet hat. Schneiders Schilderungen der Topographie der Versandhandelszentrale sind ein kleines Meisterwerk im großen des Romans.
Was diesen dazu macht, das ist die Perspektivierung. Obwohl Christina als Ich-Erzählerin den Rahmen vorgibt, lässt Schneider uns auch immer wieder durch die Augen von Anni sehen. Ausgespart bleibt dagegen Helene, doch genau das macht sie zur interessantesten und auch tragischsten der drei Frauen. Und zu der, die nichts beschönigt hat, denn weder Annis noch Christinas Perspektive ist vollständig zu trauen, wie auf der vorletzten Seite zu lesen ist: "Den Schrecken über ein paar Worte, in denen einmal etwas Ehrliches, etwas Wahres steckt, den werden wir nicht los, den hatte Anni, den hat Helene, den habe ich. Weil wir unsere Worte so gern verkleiden, machen sie uns Angst, wenn wir sie einmal so, wie sie sind, hinauslassen, ohne sie noch einmal anzuschauen." Helene reagiert nur in "Das gute Leben". Und trägt damit nicht zu jener Selbsttäuschung bei, die der Titel auch benennt. ANDREAS PLATTHAUS
Nadine Schneider: "Das gute Leben". Roman.
Verlag S. Fischer,
Frankfurt am Main 2026. 303 S., geb.
Alle Rechte vorbehalten. © Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt am Main.