"Edward von Stechowsky. Von einer Mücke, die sich etwas Größeres erträumte" von Moritz Neumeier und Timo Zett erzählt die Geschichte einer Mücke, die sich mit ihrer vorgesehenen Rolle nicht zufriedengibt. Während die anderen Mücken fleißig Menschen und Tiere stechen, verfolgt Edward einen ganz eigenen Plan. Er will etwas Großes stechen. Etwas wirklich Großes. Edward lebt in einem Tümpel hinter einem Rastplatz, umgeben von allerlei ausrangiertem Gerümpel. Schon dieser Schauplatz passt wunderbar zum Ton des Buches. Alles wirkt ein wenig schräg, improvisiert und voller Möglichkeiten. Edward ist eine von Millionen Mücken und trotzdem fällt er auf, weil er sich weigert, das zu tun, was von ihm erwartet wird. Statt Menschen zu stechen, lässt er sie vorbeiziehen. Seine Art bringt die anderen Mücken gegen ihn auf und er bekommt reichlich Gegenwind. Trotzdem hält er an seiner Vorstellung fest. Er wartet auf seine Gelegenheit und bekommt sie schließlich völlig unerwartet. Ein roter Ford Fiesta hält auf dem Weg nach Neustadt an. Auf der Tür entdeckt Edward eine Werbung für einen Ort, an dem angeblich alle Tiere der Welt zu finden sind. Für ihn ist damit klar, wohin die Reise gehen muss. Er schlüpft durch eine kleine Öffnung in das Auto und fährt mit. Von da an nimmt die Geschichte richtig Fahrt auf. Edward landet tatsächlich im Zoo und fliegt dort an Flamingos, Büffeln, Nashörnern, Dingos, Pinguinen, Eisbären und Pandas vorbei. Er interessiert sich für keines dieser Tiere. Sein Ziel ist größer. Schließlich entdeckt er das Elefantenhaus. Und dann kommt der Moment, auf den alles hinausläuft. Edward sitzt vor einem riesigen Elefanten und sticht zu. Gerade dieser Aufbau funktioniert erstaunlich gut. Das Buch macht aus einem winzigen Insekt eine große Figur. Edward ist dabei weder besonders stark noch besonders mutig im klassischen Sinn. Er zweifelt, wartet, beobachtet und versucht es trotzdem. Dadurch wird seine Reise zu einer kleinen Geschichte über Eigenwilligkeit, Wünsche und den Mut, an einer Idee festzuhalten, selbst wenn andere sie für unsinnig halten.Dass diese Geschichte vollständig in Reimen erzählt wird, gibt ihr zusätzlich einen eigenen Rhythmus. Der Text ist verspielt, pointiert und hörbar für das Vorlesen geschrieben. Dabei entsteht ein angenehmes Zusammenspiel zwischen den gereimten Versen und den Illustrationen. Timo Zett zeichnet Edward als kleine, durchaus selbstbewusste Figur mit riesiger Persönlichkeit. Besonders schön finde ich, wie die weißen Fluglinien der Mücke durch viele Seiten führen und ihre Bewegungen regelrecht sichtbar machen. Der Humor ist deutlich und manchmal ziemlich schräg. Gerade das macht das Buch interessant. Eine Mücke, die sich vornimmt, einen Elefanten zu stechen, ist zunächst einfach eine absurde Idee. Gleichzeitig steckt darin eine Botschaft, die für Kinder sehr unmittelbar sein kann: Man muss nicht unbedingt das wollen, was alle anderen wollen. Man darf eine eigene Vorstellung haben und versuchen, sie umzusetzen.Am Ende bleibt die Geschichte nicht allein bei diesem Gedanken. Im Anschluss gibt es noch mehrere Sachinformationen über Mücken. Dort erfahren Kinder unter anderem, dass nur weibliche Mücken stechen, warum sie Blut benötigen, wie schnell ihre Flügel schlagen und weshalb ihr Summen für uns so störend klingt. Dadurch bekommt die Geschichte nachträglich noch eine kleine sachliche Ebene. Was mir besonders gefällt, ist die Konsequenz, mit der das Buch seine Idee verfolgt. Es versucht nicht, aus Edward eine moralisch perfekte Figur zu machen. Er hat einfach einen ungewöhnlichen Wunsch und verfolgt ihn mit erstaunlicher Beharrlichkeit. Dadurch bleibt die Geschichte leicht und komisch, ohne ganz oberflächlich zu werden."Edward von Stechowsky" ist ein ungewöhnliches Vorlesebuch mit viel Sprachwitz, einer herrlich absurden Ausgangsidee und einer Figur, die sich nicht darauf beschränkt, das zu tun, was alle anderen tun. Für mich funktioniert es besonders gut als laut vorgelesene Geschichte, weil Reim, Rhythmus und Bildsprache gemeinsam ihren ganzen Charme entfalten.