In seinen Augen ist die abgelegene Insel eine prächtige und gütige, wenn auch aufbrausende und launenhafte Gastgeberin. Es hängt schlicht davon ab, mit wem sie zu tun hat schließlich verfügt Muckle Flugga wie alle alten Herrschaften von Format über einen erlesenen Geschmack. (S. 8)
Das ist der erste Eindruck des Schriftstellers Firth, als er aus Edinburgh auf der kleinen schottischen Insel anlandet, um seinem Leben ein Ende zu setzen. Er möchte noch Vögel zeichnen im Gedenken an seinen Großvater, bevor er sich in die raue See stürzt.
Doch er hat die Rechnung ohne Ouse gemacht, den Sohn des äusserst harschen Leuchtturmwärters. Ouse ist ein zarter Charakter, eine naturverbundene Seele, der Muckle Flugga und ihre Pflanzen und Tiere liebt, genauso wie auch Bücher und das Stricken. Ihm gelingt es, Firth der sich hinter einer Fassade aus Snobismus versteckt - aus der Reserve zu locken und sich zu öffnen.
Dabei hat auch Ouse es nicht leicht, leidet er doch teilweise unter seinem jähzornigen Vater, der den Tod der Mutter nie verwunden hat und sich nichts mehr wünscht, als das sein Sohn in seine Fußstapfen als Leuchtturmwärter tritt. Denn das ist sein Leben den Seefahrenden Licht und Sicherheit geben. Dabei benutzt er seinen Sohn ein wenig als Ersatz-Ehefrau und offenbart recht patriarchale Züge.
Zwischen Ouse, der bisher lediglich eine imaginäre Freundschaft zu dem Schriftsteller Robert Louis Stevenson pflegt, entwickelt sich langsam eine Freundschaft, die in den beiden jungen Männern etwas verändert. Doch die größte Änderung steht noch bevor
Das Debut von Michael Pedersen hat mich absolut begeistert! Diese wunderschöne Sprache! Mal haben mich die Sätze wie eine heftige Welle überrollt und unter Wasser gezogen, im nächsten Moment hat mich eine Formulierung ganz zart umspült.
Er vergisst nie, was sein Vater ihm eingebläut hat: Bei all ihrer Verspieltheit bleibt die See eine Mörderin das, worüber die Covenant da tänzelt, sind Schlachtfelder und Mordstätten, so schön sie in ihren azurblauen Gewändern mit den türkisen Pailletten auch sein mögen. Unter der glatten Oberfläche lauert eine Gewalt, die eine ganze Armee in einer Mikrosekunde auslöschen könnte. (S. 154)
An dieser Stelle ein großer Dank an den Übersetzer Stephan Kleiner #stephankleiner, dem es meiner Meinung nach meisterhaft gelungen ist, den Geist des Originals ins Deutsche zu transportieren!
Die Protagonisten waren mir allesamt sehr nah. Der Autor hat es auch immer wieder geschafft, den Persönlichkeiten neue Facetten hinzuzufügen, sodass ich zum Schluss sogar den cholerischen Vater ins Herz geschlossen hatte. Vater und Sohn spiegeln für mich ein wenig das Meer wieder, dass die abgelegene Insel umspült. Ruhig und zart oder aufbrausend und stürmisch, so wirken die beiden auf mich.
Der Roman lebt von seinem poetischen Schreibstil, der tollen Atmosphäre und den ambivalenten Charakteren. Ich konnte den Wind in meinen Haaren spüren und das Salzwasser auf meiner Haut schmecken. Ich habe mich über die Tierbeobachtungen gefreut und habe vom Leuchtturm aus über die weite See geblickt. Dieser Roman hat mich für sich eingenommen und ich kann ihn uneingeschränkt empfehlen!