Eine Welt wird vor dem Leser ausgebreitet, die den meisten Menschen weitgehend fremd sein dürfte: das Land tritt fordernd gegenüber seinen Bewohnern auf, lebensfeindlich sind die Bedingungen, unter denen die Menschen ihren Lebensunterhalt verdienen. Dies ist der herausragende Charakterzug dieses Romans. Geschickt versteht es die Autorin, eine Vielzahl von Realien über Australien mit der Handlung zu verknüpfen, so dass der Leser kaum je das Gefühl bekommt, per copy and paste mit einem Wikipedia-Artikel konfrontiert zu werden.
Jedoch stellt genau diese Handlung das Manko dieses Romans dar: allzu schicksalsschwer die Prüfungen, die über die Familie der MacBrides hereinbrechen! Weniger wär da mehr gewesen. Kein Unglück, kein Schicksalsschlag, keine Katastrophe, die ihnen erspart geblieben wäre, und penetrant die seelische Größe, mit der sie allen diesen Heimsuchungen begegnen.
Ausgesprochen farbig erscheinen die zahlreichen Nebenfiguren, die diesen Kosmos vervollständigen: da gibt es skurrile Charaktere, deren gelegentlich dunkle Geheimnisse erst im Verlauf der Handlung entschleiert werden, deren positive Charakterzeichnung, deren Loyalität und ethische Werte aber außer Frage stehen. Im Kontrast zu ihnen gibt es auch negativ gezeichnete Figuren, deren Verhaltensweisen zu immer neuen Obstruktionen und Verwirrungen und Gefährdungen führen. Ebenso tauchen Individuen auf, deren Verworfenheit das negative Ende des Spektrums menschlicher Verhaltensweisen aufzeigen.
Großes Lob hingegen für die ambitionierte Konstruktion und Komposition. Die Zeitsprünge, die zahlreichen Rückblenden verdeutlichen die Botschaft der Autorin: kein Geschehen ist jemals ein für allemal abgeschlossen, es ergeben sich immer wieder neue Wendungen und Blickwinkel.
Abschließend sei gesagt, dass dieser zweite Roman von L.M. Stedman ein unterhaltsames Leseerlebnis bietet, spannend und gefühlsgeladen - nicht mehr, aber auch nicht weniger!