Manno wächst als Kind in den Niederlanden auf. Nachdem seine Mutter und weitere Bezugspersonen versterben, wird er nach Wien in die Obhut der Schwester seines Vaters gegeben, der in der österreichischen Armee dient. Dort lebt er zunächst nahezu isoliert, bis er in einer Sommerauszeit die gleichaltrigen Kinder Bertl, Max, Franzi, Bela und Lotte kennenlernt. Jeden Sommer sehen sie sich wieder und zwischen ihnen zählen die Unterschiede nicht, wie z.B., dass Max und Franzi jüdisch sind, während Manno katholisch erzogen wird.
Als junge Erwachsene und Studenten kommen sie nach ein paar Jahren Funkstille auch in Wien wieder zusammen. Zum ersten Mal wird ihnen bewusst, dass sie ihre Freundschaft nun verschwiegen behandeln müssen. Bertl ist der Sohn eines Fabrikanten und nationalistischer Gesinnung und darf sich keinesfalls öffentlich mit Juden oder Franzi als "Roter" zeigen. Auch Bela kann seine Homosexualität nicht einfach offen leben und steht vor diversen Herausforderungen. Trotzdem hält die Freundschaft an und die fünf unterstützen einander und fahren weiterhin jährlich aufs Land, um Urlaub zu machen.
Doch je näher der Zweite Weltkrieg rückt, desto verhärteter werden die Fronten, nicht nur in der Stadt Wien. Auch die Freundschaft selbst droht an der Politik auseinanderzubrechen und immer tiefere Abgründe tun sich auf. Während die einen von der NSDAP profitieren, sind die anderen in Lebensgefahr.
Manno fungiert dabei im Roman als Ich-Erzähler, Betrachter und schweigender Ruhepunkt der Gruppe. Jahre später blickt er zurück und deckt für die Leser das Bild dieser Freundschaft langsam auf. Während die Handlung am Anfang noch eher harmlos wirkte, gewann sie zunehmend an Brisanz. Manchmal hätte ich Manno als alles (er-)duldende Figur gerne geschüttelt und gefragt, warum er so passiv bleibt und alles schweigend trägt. Gefühlt hätte dadurch vielleicht schlimmes verändert werden können.
Dennoch ist diese Passivität eben auch eine der großen Stärken des Romans. Denn dadurch legt das Buch den Finger in die Wunde unserer aktuellen politischen Entwicklungen: Wenn wir weiter schweigen und passiv bleiben, können rechtsradikale Kräfte immer mehr Raum einnehmen. Auch die stete Verharmlosung des Nazis Bertl und dessen naiver Ehefrau, die ja beide gute Freunde der anderen sind, sorgen für Schauermomente und es stellt sich beim Lesen immer wieder die Frage, was bei ihnen im Vordergrund steht: Freundschaft oder politische Gesinnung?
Erst nach und nach offenbaren sich die Risse in der Freundschaft. Lange wirkt vieles vermeintlich harmonisch, obwohl bereits früh spürbar ist, dass etwas nicht stimmt und Sand im Getriebe ist. Die Handlung lässt sich dabei sehr viel Zeit, um in die Welt, die Figuren und die Freundschaft einzuführen. Zu Beginn war mir das ein bisschen zu lang, weil ich wissen wollte, wie es denn nun eskalieren würde. Im Nachhinein war diese ausführliche Grundlage aber wichtig, damit man die späteren Handlungen der Figuren auch wirklich nachvollziehen kann.
Ich wollte eigentlich immer weiterlesen und konnte das Buch trotz einiger Längen nicht loslassen. Es hat mich sehr beschäftigt und ich habe oftmals mitgelitten. Gut gewählt war dabei auch der Sprachstil: Judith Fanto schafft eine altmodische Atmosphäre des Wiens der 20er-, 30er- und 40er-Jahre. Das ist zunächst etwas gewöhnungsbedürftig, passte in meinen Augen aber sehr gut zur Geschichte und ihrer Zeit.
Tatsächlich hätte ich mir noch mehr geschichtliche Eckdaten zur Machtübernahme und den vorausgehenden Entwicklungen des Zweiten Weltkriegs aus der österreichischen Perspektive gewünscht, obwohl vieles angesprochen wurde, kann aber verstehen, dass dies nicht ausufern sollte und der Fokus bei den Auswirkungen auf die Freundschaft blieb..
Fazit: Insgesamt empfand ich den Roman als sehr bewegend. Er stellt sich Fragen über Freundschaft, Mitläufertum, Schweigen und die Frage, wie viel Passivität man sich leisten kann, wenn sich die politischen Verhältnisse verändern. Ein Buch, das mich sehr gebannt hat und das vor allem deshalb nachwirkt, weil es zeigt, was passieren kann, wenn man zu lange nur Betrachter bleibt und ist damit hochaktuell.