Starke Grundidee, schöne Gruselmomente & interessante Geister ¿ aber zu wenig Welt, zu viel Buchhaltung & am Ende keine Seele im Spukhaus¿
Gesamteindruck ¿¿¿¿¿¿¿Die Idee hat mich sofort gekriegt: ein Spukhaus, eine Häuserflüsterin, Geister, Gothik und Steampunk - dazu noch Mystery und Krimi. Das klang nach genau der Art von düsterem Kopfkino, auf die ich Lust hatte. Und tatsächlich mochte ich den atmosphärischen Beginn und die Idee, dass die Geister aus dem Leid entstehen, das in einem Haus zurückbleibt. Leider konnte mich die Geschichte auf Dauer nicht halten. Vor allem der Wechsel zwischen Grusel und Splatterszenen hat bei mir nicht funktioniert. Dazu kamen eine Welt, die ich lange nicht richtig greifen konnte, und eine Protagonistin, zu der ich emotional auf Abstand blieb. Schade fand ich außerdem, dass ausgerechnet das titelgebende Spukhaus am Ende erstaunlich wenig eigene Seele hatte. Die einzelnen Geister waren für mich deutlich interessanter als Magnolia und haben mich teilweise mehr berührt als die eigentliche Hauptfigur.Stärken ¿ Die Grundidee eines Hauses, in dem sich das Leid vergangener Opfer als Spuk manifestiertEinige sehr atmosphärische GeistergeschichtenDer düstere Einstieg und die anfängliche Gothik-AtmosphäreDie ungewöhnliche Verbindung aus Gothik, Steampunk, Mystery, Horror und KrimiDie Idee der Häuserflüsterin und ihrer besonderen WahrnehmungRobby als loyaler Automaten-HundEinige wirklich starke und bedrückende MomenteDie einzelnen Geister waren emotional greifbarer als MagnoliaSchwächen ¿Der Wechsel von Grusel zu drastischem Horror war für mich unangenehm, die schöne Gruselstimmung dahinGothik und Steampunk wollten in meinem Kopfkino lange nicht richtig zusammenfindenDie Welt und ihre Regeln blieben mir zu lange zu vageLuftschiffe, Exorzisten-Gilde, Ränge und Regeln werden nur angerissenDie Reinigungsrituale wirkten auf mich schnell repetitiv und schematischDie Logbuch-Einträge wirkten kalt und rational und störten für mich die Atmosphäre (zu wenig Gefühl im Tagebuch)Magnolia blieb mir emotional zu distanziertIhre Vergangenheit und Vorgeschichte brachten sie mir nicht wirklich näher und rissen mich aus der GeschichteAb der Mitte nimmt die Action stark zu, zu Lasten der SchauerstimmungDas titelgebende Haus hatte für mich letztlich keine eigene SeeleMeine Eindrücke beim Lesen¿¿ Die WeltDie Grundidee von "Die Seele eines Spukhauses" hat mich sofort angesprochen. Ein Haus, in dem das Leid der Menschen zurückbleibt und irgendwann als Spuk Gestalt annimmt - das fand ich richtig spannend. Dazu eine Häuserflüsterin, die mit solchen Häusern kommunizieren kann. Genau mein Ding.Nur leider habe ich die Welt selbst lange nicht richtig zu fassen bekommen.Es gibt Luftschiffe, eine Exorzisten-Gilde mit eigenen Regeln und Rängen, Ärzte, die Geisterbisswunden behandeln, und natürlich jede Menge Automaten. Aber ich hatte oft das Gefühl, immer nur genau so viel über diese Welt zu erfahren, wie die Handlung gerade benötigt.Und damit tue ich mich schwer. Ich brauche bei einer Fantasywelt ein Grundgerüst. Ich möchte wissen, wie diese Welt funktioniert, welche Regeln gelten und warum bestimmte Dinge für die Menschen darin selbstverständlich sind. Sonst bleibe ich als Leserin irgendwie vor der Tür stehen. Ich kann die Handlung verfolgen, aber mein Kopfkino bekommt keinen richtigen Boden unter die Füße.Erst nach mehr als der Hälfte wurde mir so richtig klar: Ach, das hier ist also eine Steampunk-Welt. ¿ Danach konnte ich mir vieles besser vorstellen. Aber bis dahin hatte mein Kopfkino ziemlich zu kämpfen.Auch die Mischung aus Gothik und Steampunk hat bei mir nicht so richtig gezündet. Entweder hatte ich eine farbenprächtige Steampunk-Welt vor Augen - besonders außerhalb des Hauses - oder eine düstere, morbide Gothik-Welt. Beides zusammen bekam ich nicht zu einem stimmigen Bild. Und dann standen plötzlich Automaten mit ihren Zahnrädern mitten in meiner düsteren Geisterwelt. Da streikte mein Kopfkino vollkommen.Erst als Magnolia den Keller erkundete, entstanden bei mir im Kopf Bilder á la Lovecraft. Ab da ging es besser.Dabei mag ich Steampunk eigentlich sehr. Es lag also nicht am Genre selbst, sondern daran, dass mein Kopf die beiden Welten einfach nicht zusammenbekommen hat.¿ Die AtmosphäreGerade am Anfang mochte ich die Atmosphäre von Shaw Manor sehr.Ich hatte mich auf eine Geister-Gruselgeschichte eingestellt und bekam zunächst genau das: ein unheimliches Haus, Geheimnisse, Geister und dieses Gefühl, dass hinter den Wänden mehr steckt, als man eigentlich wissen möchte.Die einzelnen Geister hatten für mich teilweise richtig viel Atmosphäre und sogar emotional mehr Gewicht als Magnolia. Leider verändert sich das im Laufe der Geschichte.Mit dem Mord am ersten Exorzisten Jeremy wird es schon ziemlich drastisch. Später kommen sexuelle Gewalt gegen Kinder und weitere blutrünstige Szenen dazu. Damit war für mich die Grenze vom Grusel zum Horror überschritten. Und damit war die sorgfältig aufgebaute düster-mysteriös-bedrohlich-geheimnisvolle Stimmung zerstört und stellte sich auch nicht mehr ein.Das Problem war gar nicht, dass die Geschichte überhaupt Horror enthält. Ich hatte nur mit etwas anderem gerechnet. Dieser Wechsel zwischen behutsamem Spuk und ziemlich heftigen Szenen hat bei mir nicht funktioniert. Ich hatte mich auf Schauer eingestellt und bekam zwischendurch deutlich mehr Blut und Brutalität, als ich eigentlich haben wollte.Die Automaten waren über weite Strecken eher Fremdkörper in meiner Geistergeschichte. Ich wollte wissen, was in diesem Haus spukt - und nicht unbedingt, welche Zahnräder irgendwo ineinandergreifen. Später werden die Automaten dann wesentlich wichtiger, aber da hatte ich mich innerlich schon etwas dagegen verschlossen.¿ Das Tagebuch/ LogbuchMit den Tagebuch- beziehungsweise Logbuch-Einträgen hatte ich ebenfalls meine Schwierigkeiten.Sie haben mich ziemlich an Emily Wilde erinnert. Nur während dort für mich genau dieser dokumentarische Stil funktioniert, hat er hier eher das Gegenteil bewirkt.Die Sprache ist sehr rational und kühl. Für mich war das ein bisschen wie Neonlicht in der Geisterbahn. ¿¿Und das fand ich besonders schade, weil die Ich-Perspektive eigentlich eine tolle Möglichkeit gewesen wäre, der kühlen abgeklärten Magnolia näherzukommen. Ich erfahre zwar viel über ihre Gedanken, aber erstaunlich wenig darüber, was sie tatsächlich fühlt. Stattdessen bekomme ich sehr detailliert mit, wie viel sie für irgendetwas ausgegeben hat.Und sehr häufig werden Reinigungsrituale erwähnt, die dann gar nicht näher beschrieben werden. Gerade das hätte mich aber interessiert! Wenn Magnolia ständig irgendwelche Rituale durchführt, möchte ich irgendwann auch wissen, wie diese aussehen und sich anfühlen.Stattdessen bekomme ich Buchhaltung.Ich hätte wirklich lieber ein bisschen weniger "Was hat das gekostet?" und dafür deutlich mehr "Was macht das mit dir?" gehabt.¿¿¿¿ Magnolia Mit Magnolia Feyler hatte ich wahrscheinlich mein größtes Problem. Dabei gab es durchaus Momente, in denen ich sie mochte. Wenn sie dem Spukhaus erklärt, dass sie nur helfen möchte und keine Grenzen überschreiten will, fand ich das tatsächlich sympathisch. Nur hält Magnolia sich selbst nicht immer an diese Grenzen.Sie überschreitet sie mehrfach und wirkt dabei teilweise erstaunlich abgeklärt. Und genau da entstand für mich ein Widerspruch: Einerseits möchte sie dem Haus helfen, andererseits möchte sie vor allem auch ihren Auftraggeber zufriedenstellen und die beste in ihrer Gilde sein, die diesen anspruchsvollen Fall löst.Das hat mich am meisten gestört. Ich möchte auch keine emotionslose Hilfe, die vorrangig eigene Interessen verfolgt.Überhaupt blieb Magnolia für mich sehr eigenwillig und gleichzeitig erstaunlich weit weg. Ich kenne schrullige Protagonisten und mag sie durchaus. Bones oder Dr. House beispielsweise sind beide ziemlich speziell. Aber hinter dieser Schrulligkeit steckt immer eine menschliche Seite, die mich irgendwann packt. Bei Magnolia ist mir das nicht gelungen.Ich habe ihre Reise eigentlich immer ein bisschen von außen beobachtet. Ich fand es interessant, was sie erlebt und wie sie sich durch die Geschichte bewegt. Aber emotional war ich nie wirklich bei ihr.Das klingt vielleicht härter, als ich es meine. Denn ich glaube nicht, dass Magnolia schlecht geschrieben ist. Sie ist einfach so angelegt, dass sie bei mir keine emotionale Verbindung aufgebaut hat. Was ich fast schon ironisch finde: Jeder Geist hat mich mehr berührt als Magnolia.Und genau das zeigt mir eigentlich, dass Helena Gässler diese emotionale Ebene durchaus schreiben kann. Die Geister hatten etwas, das mich erreicht hat. Magnolia hatte das für mich nicht.In der Mitte erfährt man mehr über Magnolias Vergangenheit und darüber, warum sie sich überhaupt Häuserflüsterin nennt. Man erfährt auch, wie sie ihr Gespür für das Leid entwickelt hat, das Gewaltopfer in Häusern hinterlassen.Grundsätzlich fand ich das interessant. Aber gebraucht hätte ich es persönlich nicht unbedingt. Es hat mich eher aus der eigentlichen Handlung herausgerissen - und erstaunlicherweise hat auch dieses zusätzliche Wissen Magnolia für mich nicht nähergebracht.Irgendwann hatte ich bei ihr deshalb ein bisschen das Gefühl: Sie ist die weibliche Version von John Sinclair. Sie weiß alles, kann alles, kämpft sich alleine durch alle möglichen Widersacher und schafft es natürlich auch, den Endgegner niederzuringen. Und da war ich irgendwann einfach nicht mehr ganz so beeindruckt, sondern eher: Ja. Natürlich schafft sie das auch noch. ¿¿ RobbyDann gibt es noch Robby, Magnolias loyalen Sidekick.Einen Automaten-Hund. Und ja - das ist schon ziemlich cool.Robby wird von Magnolia selbst erschaffen und begleitet sie anschließend durch die Geschichte. Da es ansonsten nicht wahnsinnig viele zentrale Figuren gibt, bekommt er natürlich eine gewisse Bedeutung.Ich mochte ihn als Begleiter durchaus. Vielleicht auch gerade deshalb, weil er etwas Konkretes und Greifbares in eine Geschichte bringt, in der ich mit vielen anderen Dingen eher Schwierigkeiten hatte.¿¿ Die Handlung Der Anfang hat mich deutlich mehr abgeholt als die zweite Hälfte. Zu Beginn lässt sich die Geschichte Zeit. Magnolia erkundet das Haus, die Geheimnisse und seine Bewohner. Es gibt diese leise Spannung: Was ist hier passiert? Was steckt hinter dem Spuk? Das mochte ich.Ab der Mitte zieht die Handlung dann ordentlich an - für meinen Geschmack allerdings in die falsche Richtung.Magnolia hetzt plötzlich der Geschichte des Hauses und seiner ehemaligen Bewohner hinterher, gerät in brenzlige Situationen und stolpert von einer Actionsequenz in die nächste.Und damit geht für mich genau das verloren, was am Anfang so schön funktioniert hat. Die Geschichte wird lauter, während die Atmosphäre leiser wird. Die gruseligen Situationen sind teilweise gar nicht schlecht gemacht, aber sie werden von so viel Action und Krach begleitet, dass bei mir das eigentliche Schauergefühl irgendwann auf der Strecke blieb.¿¿ das Spukhaus selbst ...Das ist wahrscheinlich der Punkt, der mich am meisten enttäuscht hat.Das Haus hatte für mich nie wirklich eine eigene Seele.Ich hatte mich genau darauf gefreut.Auf ein Haus, das vielleicht selbst eine Figur ist. Das eigene Bedürfnisse hat. Das mit Magnolia kommuniziert. Das vielleicht nicht nur der Schauplatz der Geschichte ist, sondern selbst ein Teil des Rätsels.Aber letztlich sind es die einzelnen Geister, die Hilfe brauchen. Als der letzte und zugleich böseste Geist geheilt ist und ein anderer Geist seiner Wege zieht, ist der Spuk vorbei.Und ich saß da und dachte: Moment. Und wo ist jetzt die Seele des Spukhauses? ¿Gerade weil die einzelnen Geister für mich so viel besser funktioniert haben, fand ich das besonders schade. Denn die Idee war da. Ich mochte die Vorstellung von Shaw Manor. Ich mochte die Geister. Ich mochte die Grundidee, dass Leid in einem Haus zurückbleiben kann.Nur hätte ich mir gewünscht, dass das Haus selbst am Ende tatsächlich mehr wäre als der Ort, an dem all das passiert.Für mich waren deshalb am Ende ausgerechnet die Geister die stärksten Figuren dieser Geschichte.Und das ist gleichzeitig mein größtes Kompliment und meine größte Enttäuschung: Die Autorin hat mir gezeigt, dass sie mir Gänsehaut machen kann - nur leider nicht ganz mit der Figur, auf die ich mich wegen des Titels am meisten gefreut hatte. ¿Fazit und Empfehlung"Die Seele eines Spukhauses" hatte für mich eine richtig schöne, ungewöhnliche Grundidee und einige atmosphärisch starke Momente. Leider konnte mich die Umsetzung nicht durchgehend abholen. Besonders die Kombination aus Gothik und Steampunk, der Wechsel von Grusel zu Horror und die eher schemenhaft bleibende Welt haben es mir schwer gemacht.Wer düstere Steampunk-Fantasy mit Mystery, Exorzisten, Automaten und einer ordentlichen Portion Action mag und sich gerne auf eine eigenwillige Protagonistin einlässt, könnte hier durchaus auf seine Kosten kommen. Wer dagegen vor allem eine atmosphärische Geistergeschichte mit viel Schauer, einer greifbaren Welt und emotionalen Figuren sucht, sollte wissen, dass sich der Schwerpunkt im Verlauf deutlich verschiebt.Für mich bleiben die Geister die stärksten Figuren - und ausgerechnet die Seele des Spukhauses habe ich am Ende vermisst. ¿