
Besprechung vom 14.03.2026
Berstende Form für eine berstende Welt
Unmöglich und doch geglückt: Edwin Franks "Stranger than Fiction - Das 20. Jahrhundert in 30 Romanen". Darunter sechs deutschsprachige.
Von Hubert Spiegel
Fünfzehn Jahre lang habe er an diesem Buch gearbeitet, behauptet Edwin Frank in der Danksagung, die er seinem umfangreichen Literaturverzeichnis folgen lässt. Das ist eine lange Zeit, aber nicht lang genug, um all die Bücher zu lesen und all die Kenntnisse zu erwerben, die Frank in sein Opus magnum hat einfließen lassen. "Stranger than fiction - Das 20. Jahrhundert in 30 Romanen" ist das Werk eines Mannes, der von sich behauptet, er sei zwischen den Seiten von Romanen aufgewachsen und habe den größten Teil seines Erwachsenenlebens ebenfalls dort verbracht. Das klingt nach einem friedvollen Dasein, aber auch ein wenig kokett, ein wenig traurig und in jedem Fall absolut glaubhaft.
Frank, Literaturkritiker und lange Jahre Herausgeber der Klassikerreihe der "New York Review of Books", versteht den Roman, die wichtigste literarische Gattung des zwanzigsten Jahrhunderts, als perfektes Vehikel gesellschaftlicher ebenso wie individueller Selbstverständigung und vor allem: als sich immer wieder häutendes und wandelndes Ding der Unmöglichkeit. Eine unmögliche Kunstform, die sich einer unlösbaren Aufgabe gestellt hat: nämlich das zwanzigste Jahrhundert mit seinen gigantischen Umbrüchen, dieses "Jahrhundert, das mit dem Verstand kaum zu begreifen war, das unbedingt nach Beschreibung verlangte und doch jeder Beschreibung spottete", einzufangen wie in einem zerbrochenen Spiegel - also in zersplitterten Bildern, die klar umrissen und doch enigmatisch sind.
Frank will die "Geschichte einer berstenden Form in einer berstenden Welt" erzählen. Als Vorbild dient ihm "The Rest Is Noise" von Alex Ross, ein Buch, das die Rolle der klassischen Musik vor dem Hintergrund der Umwälzungen des zwanzigsten Jahrhunderts beschreibt. Wie Ross will Frank "über Kunst in einer Weise schreiben, die sowohl die Kunst selbst als auch das Leben der Kunst in der Welt sichtbar macht". Eine knifflige Sache, wie er selbst sagt.
Wie jemand, der nur zu gut weiß, dass der Graben, über den es zu springen gilt, sehr breit und sehr tief ist, nimmt Frank in seiner Einleitung immer wieder Anlauf, zählt auf, was sein Buch alles nicht ist und nicht sein will, erläutert die (zum Teil durchaus überraschende) Auswahl der gut dreißig Romane, die er bespricht, und offeriert dem Leser immer wieder neue Definitionen seines Gegenstands. Mit anderen Worten: Er umkreist den modernen Roman so lange, bis ihm scheinen will, er habe es mit "einer eigenständigen fiktionalen Gestalt" zu tun, die sich schon auf der nächsten Seite aus dem Staub machen könnte. Aber bevor ihm der Roman des zwanzigsten Jahrhunderts im Munde zerfällt wie modrige Pilze, nimmt Frank ein letztes Mal Anlauf und springt - zurück ins neunzehnte Jahrhundert.
Das hat zwei gute Gründe. Zum einen muss der Autor zeigen, was für ein behagliches, vergleichsweise geruhsames Dasein die Gattung im neunzehnten Jahrhundert führte, bevor sie im zwanzigsten als äußerst vielfältige Kunstform in einen "beispiellosen Dauerstress" geriet, auf den sie reagierte, indem sie ihre literarische Form immer wieder radikal umgestaltete. Zum anderen hat jede Epoche ihre Vorboten.
Franks Vorbote des zwanzigsten Jahrhunderts ist Dostojewski. Seine "Aufzeichnungen aus einem Kellerloch" erschienen 1864, also zu einer Zeit, in der in mancher Hinsicht das brüchige Fundament des kommenden Jahrhunderts gelegt wurde: Das britische Kolonialreich in Indien war begründet, Deutschlands Einigung stand ebenso bevor wie Japans Modernisierung nach der Meiji-Restauration. Marx veröffentlichte "Das Kapital", in den USA tobte ein industrieller Massenkrieg, und in Russland gelangte die Leibeigenschaft an ihr Ende. Vor diesem Hintergrund schreibt Dostojewski ein Buch, das sich jeder Kategorisierung widersetzt und sich wie eine Verhöhnung des realistischen Romans liest.
An die Stelle einer geschlossenen oder doch zumindest klar umrissenen Form tritt eine Stimme. Sie ist "nörgelnd, bedürftig, selbstbewusst, clownesk und aufdringlich. Sie ist außer Kontrolle, die Stimme von jemandem, der einen auf der Straße anspricht und nicht mehr loslässt." Diese Stimme ist vieldeutig und radikal unzuverlässig, aber real. Für Frank ist dies die Stimme des Romans des zwanzigsten Jahrhunderts. In ihrem Kellerloch spielt diese Stimme sich auf, deklamiert, schreit, widerspricht sich, bricht zusammen, wimmert, klagt, lügt, höhnt und konstatiert das Ende aller Gewissheiten: "Zwei mal zwei gleich vier ist aber nicht mehr Leben, meine Herrschaften, sondern der Anfang des Todes." Welche Romane sind im Jahr 1900 erschienen? Womit und mit wem beginnen? Frank entscheidet sich für H. G. Wells und "Die Insel des Dr. Moreau", einen Roman, der in mancher Hinsicht in der Tradition von Mary Shelleys "Frankenstein" (1818 ) steht und zu den Grundpfeilern der Science-Fiction-Literatur zählt. Wells war ein literarischer Unternehmer in einer Zeit, in der die Literatur einen Kommerzialisierungsschub erlebte, den Frank wenig später am noch einmal deutlich erfolgreicheren Beispiel Colettes beschreibt. Aber nicht sein ausgeprägtes Interesses am finanziellen Erfolg seiner Bücher macht Wells interessant, sondern sein Interesse an den Ängsten, die eine sich entwickelnde Naturwissenschaft weckt und die zu der Frage führt, was der Mensch Menschen anzutun bereit sein wird und was Menschlichkeit und Mensch zu sein überhaupt bedeuten. Die Antworten, die Wells gibt, sind wenig optimistisch. Die "Times" gab den Rat, sein Buch solle von allen gemieden werden, die "über guten Geschmack, ein feines Empfinden oder schwache Nerven verfügen".
In diesem ersten Kapitel wird deutlich, wie Frank vorgeht: Er gibt einen oft recht ausführlichen biographischen Abriss des Autors, skizziert dessen Gesamtwerk und seine Entwicklung, geht vereinzelt auf literarische Freundschaften und Netzwerke ein, beschreibt historische Hintergründe und Konstellationen, die Aufnahme durch die Schriftstellerkollegen und das zeitgenössische Publikum. Nicht unerwähnt bleibt das Fortwirken der Werke, ihr Nachruhm sowie ihr Einfluss auf spätere Autoren. So entstehen Genealogien, etwa vom Dostojewski der Kellerloch-Aufzeichnungen zu Kafka und Beckett oder von Wells zu Orwell und Joseph Conrad.
Wie jede Auswahl ist auch diese subjektiv und angreifbar. Aber es hat wenig Sinn, Frank vorzuwerfen, dass er diesen Autor und jenen Roman übergangen habe. Dreißig Romane sind wenig für ein Jahrhundert, aber viel für ein einzelnes Buch. Ein kleine Auswahl dieser Auswahl: Gides "Der Immoralist", Kubins "Die andere Seite", Kafkas "Der Verschollene", Kiplings "Kim", Prousts "Recherche" und Manns "Zauberberg", der "Ulysses" von Joyce und "Leben und Schicksal" von Grossman. Mit Colette, Gertrude Stein, Jean Rhys, Virgina Woolf, Anna Banti, Marguerite Yourcenar und Elsa Morante werden sieben Autorinnen gewürdigt, mit Chinua Achebe, Machado de Assis, Gabriel García Márquez, V. S. Naipaul und Natsume Soseki geraten Autoren in den Blick, die nicht dem europäischen oder angloamerikanischen Sprachraum angehören. Der Anteil der deutschsprachigen Literatur am Roman des zwanzigsten Jahrhundert wird nicht gering geschätzt, und die Auswahl ist mit Kubin, Kafka, Thomas Mann, Musil, Hans Erich Nossack und W. G. Sebald auch nicht durchgehend erwartbar.
Edwin Frank formuliert gut, teilweise brillant. Er ist ein ausgezeichneter Beobachter mit einem Sinn für die Tiefenstrukturen seiner Gegenstände, wenn er zum Beispiel die eigentümliche Verschmelzung von Bildungsroman und Märchen im "Zauberberg" anspricht, "jenen bestimmenden und kontrastierenden deutschen Literaturgattungen, von denen die eine von den Prozessen der Kultivierung und Reifung, und die andere von der ewigen Kindheit spricht". Nur selten, etwa bei Gertrude Stein, kann es etwas mühsam werden, seinen Ausführungen zu folgen, obwohl er kein leidenschaftlicher Literaturtheoretiker ist. Mitunter reibt man sich ein wenig die Augen, wie eng Frank Leben und Werk führt, wie unmittelbar er Schlüsse vom einen aufs andere zu ziehen bereit ist, wie gering seine literatursoziologischen Interessen sind. Mitunter gerät über der Biographie des Autors und der Komplexität seines Werkes das Jahrhundert ein wenig aus dem Blick.
Nicht jede Erkenntnis ist bahnbrechend. Wenn Frank den Schlüssel ankündigt, der ihm den Weg zu seiner Geschichte des Romans öffnete, folgt die eher schlichte Weisheit, es handele sich um die Geschichte der "Übersetzung gelebter Wirklichkeit in eine schriftliche Form". Doch bewundernswert bleiben die Ausdauer und der Enthusiasmus, mit denen Frank immer wieder versucht, einen Roman oder das Jahrhundert, in dem er geschrieben wurde, auf den Punkt zu bringen, obwohl er weiß, dass das eine so unmöglich ist wie das andere. Nur so, mit einer Beharrlichkeit, die dem eigenen Wissen trotzt, konnte dieses unmögliche Buch gelingen.
Edwin Frank: "Stranger than Fiction". Das 20.Jahrhundert in 30 Romanen.
Aus dem Amerikanischen von Andreas Wirthensohn. Verlag C. H. Beck, München 2026. 600 S., geb.
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