
Der schlimmste Liebesroman, den man sich vorstellen kann
»Toxibaby« ist ein schonungsloser, zugleich zärtlicher Roman über die Suche nach Liebe, die uns heilt - und die uns zerstören kann. Dana von Suffrin erzählt von einer Beziehung, die alles will: Rettung, Erkenntnis, Erlösung. Mit scharfem Witz und großer erzählerischer Kraft seziert sie die Beziehungsunfähigkeit einer ganzen Generation.
Herzchen liebt Toxibaby und Toxibaby liebt Herzchen, die zwei ziehen sofort zusammen und adoptieren einen Hund - und trotzdem funktioniert überhaupt nichts. Herzchen ist die gefeierte Millennial-Schriftstellerin, die alles hat, noch mehr will, und doch unglücklich ist, Toxibaby ist Anfang vierzig und meint, die Last der gesamten Welt auf seinen Schultern zu tragen.
Doch für Herzchen ist er der Mann, der ihr alles bedeutet und der ihr alles nimmt. Er ist schön, brillant, wütend auf die Welt - und auf sie. Was als rauschhafte Liebe beginnt, wird zu einem Kampf um Nähe und Selbstbehauptung, ein Spiel aus Hingabe, Abhängigkeit und intellektuellem Kräftemessen.
Besprechung vom 14.03.2026
Er kann alles erklären, aber nichts verstehen
Dana von Suffrins Beziehungsroman "Toxibaby" lässt eine Großstadtneurotikerbeziehung scheitern.
Von Katharina Teutsch
Freunde von Bonny und Clyde werden auch Freunde von Toxibaby und Herzchen werden, einem Paar, von dem man sich bereitwillig noch unten ziehen lässt. Dort erlebt man die abwechslungsreichste Wiederkehr des Immergleichen. Denn Toxibaby hat seinen Namen nicht von ungefähr. Wobei auch Herzchen kein Häschen ist. Toxibaby und Herzchen nehmen sich nicht viel, während sie ihre emotionale Monsterwelle Seite um Seite reiten - zusammengeschoben von den ewigen Polen Leidenschaft und Kränkung.
Der Roman beginnt mit dem Idealzustand, den Toxibaby und Herzchen durchaus erreichen können. Zum Beispiel bei einem gemeinsamen Urlaub in Italien, einer deutschen Sehnsuchtslandschaft voller Südfrüchte und lauer Sommerabende: "Wir sind wie zwei eingebildete Wildkatzen durch die Gässchen geschlendert, haben in den Geschäften Parfümflaschen auf den Handflächen gedreht und Seidenschals wie Wasser über unsere Finger fließen lassen, wir haben in jedem Restaurant den besten Platz bekommen und unsere Hände nur voneinander gelöst, um Pizza mit Messer und Gabel zu essen, Cola hat man uns in Weingläsern serviert, und dann wurden wir winkend und lächelnd von den dicken Wirten verabschiedet, nachdem ich meine EC-Karte an das Kartenlesegerät gehalten hatte." Herzchen, das wird hier deutlich, ist diejenige mit der EC-Karte. Toxibaby ist arbeitslos. Und zwar aus Prinzip. Er verabscheut den Kapitalismus, das "System", den postindustriellen Klassenstandpunkt will er gar nicht erst vertreten. "Toxibaby hatte natürlich keinen Pfennig über, damals hat er sein ganzes Arbeitslosengeld für Zigaretten ausgegeben und ab und zu für Klamotten oder ein Buch von Byung-Chul Han." Ein gewisser Widerspruch zwischen der Poesie der Revolte und der Prosa des Alltags scheint das Selbstbewusstsein von Toxibaby durchaus zu strapazieren - "er konnte alles erklären, aber er wollte nie etwas verstehen" -, und manchmal ist er dabei tatsächlich sogar ganz süß.
Herzchen wiederum scheint robuster. Sie ist eine jüdische Schriftstellerin, die Toxi zufolge ihre Seele ans bürgerliche Publikum verkauft hat oder gleich an greise Industrielle, die literarische Stipendien vergeben. Herzchen hat nämlich das autobiographische Buch "Omama's Madhouse" geschrieben. Es spielt in den Außenlagern von Auschwitz-Birkenau und handelt von Herzchens dort vernichteter jüdischer Familie.
Dieses Buch hat Herzchen finanziell unabhängig gemacht, aber hat sie damit ihre Seele verkauft? "Ich zog mir eines meiner karierten Seidenkleider von Dries van Noten an", berichtet die Erzählerin, "kämmte mir die Haare ordentlich, brachte ein paar Unverbesserliche im Publikum vor Rührung zum Weinen, signierte Bücher, ließ mich mit Mascha Kaléko vergleichen und stellte danach eine saftige Rechnung." Toxibaby ist der größte Kritiker dieses Sachverhalts und gleichzeitig ihr größter Profiteur - Stichwort EC-Karte. Gemeinsam verbringen Herzchen und Toxibaby viel Zeit damit, über die ganz grundsätzlichen Fragen zum richtigen Leben im falschen zu diskutieren und dabei ohne Unterlass Missverständnisse zu produzieren. Das hat hohen Unterhaltungswert und produziert einen dramatischen Witz, den man genießen oder existenziell ausdeuten kann. Denn hier ringt eine junge jüdische Frau nicht nur um die Liebe zu einem Mann, der am deutschen Weltschmerz leidet, sondern mithilfe dieses Mannes auch um eine Haltung zur deutschen Gegenwart.
"Die Schuld ist eine jüdische Krankheit", schreibt Herzchen einmal: "Die Juden fühlen sich schuldig, weil sie sich haben umbringen lassen oder weil sie überlebt haben, sie fühlen sich schuldig, wenn sie in der Diaspora leben und ihre Kinder geschubst werden und sie sich alle drei Generationen wie Stubenfliegen erschlagen lassen, sie fühlen sich natürlich auch schuldig, wenn sie in Israel leben, sich alle paar Jahre ein Gewehr umhängen, um die jugendlich unbekümmerten, angriffslustigen Nachbarstaaten zu massakrieren, wofür sie dann von ungefähr 95 Prozent der Weltbevölkerung verachtet werden, sie fühlen sich dafür, dass sie in Deutschland leben, schuldig und immer ein bisschen so, als würden sie ihre Ahnen, eine lange, lange Schlange alter, gebückter, bärtiger Männer, dazu zwingen, bis in alle Ewigkeit mit ihren Zahnbürsten die Ritzen zwischen dem Katzenkopfpflaster vor der Feldherrenhalle zu putzen, und gleichzeitig fühlen sie sich natürlich auch schuldig, wenn sie an Jom Kippur nicht fasten, genauso fühlen sie sich auch schuldig, wenn sie fasten, denn dann haben sie sofort das Gefühl, lächerlichen und nicht mehr zeitgemäßen antiaufklärerischen Ritualen anzuhängen, für die sie bis in alle Ewigkeit ausgelacht werden, und schuldig fühlen sie sich selbstverständlich auch für das dumme Leben zwischen Maniküre-Studio, Pilatesübungen und selbstgemachtem Granola, das ihnen, wenn man genau überlegt, nur ermöglicht wird, weil die Generationen vorher alles entbehrt haben." Bei Dana von Suffrin macht es kaum ein Satz unter dieser Länge. Mit "Toxibaby" knüpft die 1985 in München geborene Autorin an ihre beiden Vorgängerromane über deutsch-jüdische Familienverhältnisse an. Mehr noch als zuvor entfaltet sie einen einzigartigen musikalischen Drive, wobei Toxibaby quasi am imaginären Bass sitzt, während Herzchen aufs Schlagzeug einhämmert. Daraus ergibt sich ein schleppender syntaktischer Shuffle mit beträchtlicher emotionaler Ladung.
Zuletzt ist "Toxibaby" natürlich ein Roman über zwei Großstadtneurotiker. Herzchens beste Freundin rät daher zu einem anderen Typus Mann. Und mit diesem Rat einer osteuropäischen Romanfigur voller Lebensweisheit verabschiedet sich die Autorin dieser Rezension: "Herzchen, du musst Toxi auf den Mond schießen und in Zukunft nur noch Männer treffen, die Fahrradhelme und Funktionsjacken tragen und die so regelmäßig laufen wie die Quarzuhren sowjetischer Produktion." Tic-Tac-Toe.
Dana von Suffrin: "Toxibaby". Roman.
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2026.
240 S., geb.
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