REZENSION Nach Jugendbüchern und Krimis wurde die deutsche Schriftstellerin Brigitte Glaser (71) vor zehn Jahren mit ihrem Gesellschaftsroman Bühlerhöhe um israelische Geheimdienstaktivitäten während der Kanzlerschaft Konrad Adenauers einer breiteren Leserschaft bekannt. Auch ihre folgenden Bücher Rheinblick (2019) und Kaiserstuhl (2022) befassten sich vor dem Hintergrund realer politischer Ereignisse mit der gesellschaftlichen Situation in Westdeutschland der 1960er- und 1970er-Jahre.
Diesen Büchern, deren Handlungen wechselnd mal im Badischen, mal im Rheinland angesiedelt sind, folgte nun im Juli Brigitte Glasers Roman Sonnenberg (List Verlag), den sie selbst als Fortsetzung meiner literarischen Erkundung der jungen Bundesrepublik sieht. Thema sind diesmal die gesellschaftlichen Umwälzungen der 70er-Jahre, hervorgerufen durch die neue Umweltschutz- und Anti-Atomkraft-Bewegung sowie die erwachende Frauenbewegung mit dem Bestreben nach selbstbestimmtem Leben. Vor dem Hintergrund dieser realen politisch ebenso wie gesellschaftlich sehr bewegten Zeit erzählt die Autorin die fiktive Geschichte zweier junger Frauen, deren langjährige Freundschaft durch unterschiedliche Lebensentwürfe, persönliche Konflikte und Erfahrungen sowie unübersichtliche Ereignisse rund um den Widerstand gegen das geplante Atomkraftwerk in Wyhl am Kaiserstuhl auf eine harte Probe gestellt wird.
Die Älteren erinnern sich vielleicht noch: Im Februar 1975 hatten mehrere Gemeinden und Privatpersonen Klage gegen die Teilerrichtungsgenehmigung des Kernkraftwerks Wyhl eingereicht. Sie kritisierten den fehlenden Schutz vor Radioaktivität und Umweltschäden und die Winzer befürchteten Schäden im Weinbau durch ständige Nebelbildung. Nach Einrichtung des Bauplatzes wurde dieser zunächst von wenigen Aktivisten besetzt, aber von der Polizei geräumt. Daraufhin belagerten am 23. Februar 1975 fast 30 000 Menschen aller Altersgruppen und Gesellschaftsschichten aus der Region sowie Bürgerinitiativen aus ganz Deutschland das Baugelände und hielten es bis November besetzt. Das Kernkraftwerk Wyhl wurde nie gebaut.
Unter den Besetzern sind als fiktive Romanfiguren auch Johanna, die nach dem Tod des Vaters ihr Studium in Freiburg abgebrochen und damals noch gesellschaftlich völlig inakzeptabel als alleinerziehende Mutter den Winzerbetrieb übernommen hatte, sowie ihre unbekümmerte Freundin Luzie, die als Studentin aus gutbürgerlichem Haus die in den 68er-Jahren erkämpften Freiheiten auch sexuell auslebt, Drogen nimmt und sich nach Rückkehr von einer längeren Marokko-Reise als Aktivistin den Kernkraftgegnern anschließt.
Anschaulich schildert Glaser die unterschiedlichen Vorstellungen von Freiheit und Selbstverwirklichung beider Frauen, die sich gerade in ihrer Gegensätzlichkeit ergänzen. Während Johanna stärker von Familie, Heimat und Verantwortung geprägt ist und um ihre gesellschaftliche Akzeptanz als alleinerziehende Frau, als selbstständige Winzerin und Hofbesitzerin kämpft, verkörpert Studentin Luzie die aus konservativem Elternhaus ausgebrochene, völlig unabhängig und unangepasst lebende junge Frau. Der Wunsch nach Selbstverwirklichung und Emanzipation kann also durchaus unterschiedliche Beweggründe, Methoden und Ziele haben.
Nicht immer gelingt der Autorin die gewünschte Balance zwischen Schilderung der realen Ereignisse und Darstellung der persönlichen Konflikte ihrer beiden fiktiven Romanfiguren. Während die historischen Ereignisse sehr ausführlich beschrieben werden, hätte gerade dieser menschliche Aspekt, der doch für die gewaltigen gesellschaftlichen Umwälzungen der 70er-Jahre steht, etwas mehr psychologischen Tiefgang verdient. So wirkt das Verhalten beider Freundinnen ebenso wie die Typisierung manch anderer Romanfigur mit ihrer klaren Rollenverteilung etwas schablonenhaft, als seien sie Medien für die Übermittlung der von der Autorin gewünschten Botschaften. Diese Botschaften Glasers sind dagegen sehr deutlich, wodurch dem Lesenden kaum noch Raum zur eigenen Meinungsbildung bleibt.
Doch trotz dieser Anmerkung bleibt Sonnenberg ein durchaus interessanter und lesenswerter Roman, der gerade Jüngeren ein Stück westdeutscher Geschichte näherbringt. Der Roman erzählt sehr anschaulich eine sehr wichtige gesellschaftliche Epoche, die bis heute nachwirkt, erklärt nachvollziehbar die damaligen Beweggründe der Kernkraftgegner und -befürworter und ist trotz einer Fülle historischer Fakten aufgrund seines eingängigen Sprachstils doch leicht lesbar.