Diderot weint, Dostojewski starrt stundenlang auf Holbeins »Christus im Grab«, Gemälde tun Wunder, und eine Psychiaterin in Florenz erfindet das »Stendhal-Syndrom«. Bernd Stiegler erzählt von den starken Gefühlen, die Bilder auslösen: eine andere Geschichte der Kunst.
Die Museumsbesucher in Florenz schwindelt es. Überwältigt von der Schönheit der Uffizien oder des Palazzo Pitti, leiden sie unter Desorientierung, Herzrasen und Angstzuständen, sie werden kunstkrank : Derartige psycho-physische Bildwirkungen beobachtet Ende der 1980er Jahre die Psychiaterin Graziella Magherini. Sie prägt dafür den Begriff »Stendhal-Syndrom«.
Dieses Phänomen ist keineswegs neu: Kunst hat seit jeher verletzt und geheilt, schockiert und getröstet, war religiöses Vorbild und Versprechen irdischen Glücks. Beispiele solch starker Reaktionen auf Bilder sind vielfältig und haben ihre je eigene Geschichte.
Von überwältigenden ästhetischen Gefühlen erzählt Bernd Stiegler in neun historischen Fallstudien: Sie reichen von Pilgerreisen zu wundertätigen Bildern im Mittelalter, vom gemeinsamen Weinen vor anrührenden Gemälden im 18. Jahrhundert bis hin zur Begegnung mit Schockfotos und Op-Art im 20. Jahrhundert.
Ein ebenso originelles wie anregendes Buch über die mal kollektive, mal intime Faszination von Bildern und was sie über die Wünsche ihrer Betrachter verrät.