Spoilerfreie Meinung¿Das Buch stand schon länger auf meiner Wunschliste, da ich die Thematik des "Sharenting" sehr wichtig finde. Es wird durch Sherrys Geschichte zugänglich beschrieben, welche Konsequenzen später auf Kinder warten, die sichtbar ins Internet gestellt werden. Auch wenn einige weniger relevante Szenen das Buch ausbremsten, wurde diese Thematik durch Rückblenden in Sherrys Vergangenheit deutlich und nahbar dargestellt. Es ist sehr spannend, ihre Gedanken und Ängste mitzuverfolgen. Denn Sherry kennt es nicht anders. Für sie ist das dauerhafte Gefilmtwerden ihre Lebensrealität und Normalität. Man kann sich auch auf ein "Found-Family" Gefühl freuen, was so schön war, dass ich das Buch nicht beenden wollte. Durch die verschiedenen zeitlichen Perspektiven & den direkten Umgang mit dem Thema ist es auf jeden Fall auch für Jugendliche geeignet. Deshalb: Dieses Buch sollte jeder gelesen haben, der sich in den sozialen Medien aufhält.Achtung, ab hier folgen Spoiler¿Setting¿¿¿¿Die Lage des Camps, die sich wie Urlaub anfühlt, wurde schnell mit einem Heimgefühl belegt. Man erfuhr ein wenig über das Camp selbst, auch wenn viele Beschreibungen ausblieben. Das gesamte Buch spielt, bis auf den Beginn und die Rückblenden, dort, sodass man einige Orte kennenlernt. Teilweise wäre vielleicht eine Erklärung des Aufbaus des Programms nicht schlecht gewesen. Denn so wirkte die Zeitspanne von Sherrys Aufenthalt sehr kurz, was aber auch an der schnellen Geschichte liegt.Charaktere¿¿¿¿<ul data-spread="false">SherryMit Sherry fühlte ich von Seite 1 an mit. Durch die Rückblenden bekommt man ihre Geschichte sehr nahbar auf. Ich würde mit ihr gemeinsam wütend. Dadurch wirkt ihre Tat am Ende zwar radikal, aber nachvollziehbar. Ich konnte verstehen, wie es dazu kommen konnte und warum sie die Brandstiftung als ihren einzigen Ausweg wahrnahm. Der es am Ende auch war.Das erste Mal, dass jemand ihr sagt, dass sie nichts leisten muss, ist ihre gleichaltrige Freundin Amely, die meint: "Ich mag dich auch ohne Party, Shazi." Zu sehen, wie ihre Eltern ihr ihren Wunsch (keine Party zu haben) verwehren, weil es kein Geld einbringt, ist herzzerreißend. Aber es ist nicht das erste Mal. Es ist nur das erste Mal, dass das Kind Shazi merkt, dass dieses Verhalten nicht normal ist. Sie merkt, dass alle anderen Kinder zum Tanzunterricht gehen dürfen, weil diese nicht gefilmt werden. Und trotzdem schützt dieses Kind ihre Eltern aus Angst: "Wahrheit macht ihre Familie kaputt." Ich glaube, das darf man nie vergessen, wenn Kinder aus solchen Familien meinen, dass es ihnen gut geht. Sie kennen es nicht anders. Und bestimmt wird es auch hier Ausnahmen geben, aber in der Mehrzahl sind diese leider nicht.<ul data-spread="false">PacoPaco fand ich sympathisch. Auch wenn ich ihn erst als in einer Art Sozialarbeiter-Rolle wahrnahm (weil er der Sohn der Besitzerin ist und nicht kriminell tätig war), wurde dann doch relativ schnell deutlich, wie er zu Sherry steht. Seine aufbauenden Worte für sie, ohne Grenzen zu überschreiten, waren sehr süß. Den Verrat, den Sherry spürte, als Paco ihr sagte, dass er ein paar Videos gesehen hatte, macht noch deutlicher, mit welchen Augen sie durch ihre "Karriere" durchs Leben gehen muss. Aber auch ich als Leserin war wütend auf Paco, dass er es nicht direkt mit ihr kommuniziert hat. Die folgenden Sätze von ihr waren deshalb umso emotionaler und nachvollziehbarer: "Ich wünschte, nicht jeder Mensch in meinem Leben würde mich belügen. Ich wünschte, ich wäre jemand anderes. Ich wünschte nicht jeder hätte weggesehen, während sie hinsahen."<ul data-spread="false">FreundesgruppeZu sehen, wie sich einige Muster bei Sherry verankert haben, z.B. dass sie kein Wasser mehr nach 16 Uhr trinken durfte (um sich nicht einzunässen), ist schwer mitanzusehen. Umso schöner wirkt das Umfeld des Camps, das sich wie eine Found Family anfühlt. Stück für Stück wird ihr gezeigt, wie Freundschaft und Liebe sich anfühlen kann. Nicht zuletzt, als eine Kuh ihr Kälbchen beschützt und dieses Gespräch entsteht: "Sie kann nicht mal ertragen, dass jemand ihn ansieht?" "Ich schätze, sie will kein Risiko eingehen." Nicht, wie ihre Eltern.Trotzdem hat die Gruppe auch viele Streiche und Mist gebaut im Camp. Das brachte zwar Spaß ins Buch, aber der "Sinn" für das Buch hat sich mir nicht erschlossen. Denn ein bisschen hat es zwar aufgezeigt, wie Sherry in sozialen Situationen ist, z.B. dass sie nicht auf einem Gruppenfoto sein möchte. Aber was für einen Mehrwert die nächtliche Backaktion hatte, weiß ich nicht. Eine Szene muss aber nicht immer ein Mehrwert haben, denn Spaß und Annäherung kann genauso gut ein Sinn sein. Nur hier ging es meistens nicht um Sherry, sondern um die anderen, von denen man sehr wenig wusste. Dadurch wirkte es teilweise belanglos und der Pageturner-Effekt von den Rückblendenseiten ging verloren. Trotzdem entstand durch die Freundesgruppe ein sehr wohliges Gefühl, sodass ich traurig war, als ich das Buch schloss.Handlung¿¿¿¿,5Die Rückblenden waren am interessantesten, da man hautnah den Druck und die Kommunikation ihrer Familie beim Videodreh miterlebte. Es war teilweise sehr ekelhaft und nah beschrieben, wie ihre Eltern sie als kleines Kind sexualisierten, um mehr Klicks zu generieren. Es wurden teilweise Ausraster mit Liebesentzug provoziert, die Sherry als Kind nicht verstand. Das Buch vermittelt ein erhöhtes Bewusstsein. Ich werde in Zukunft noch mehr darauf achten, in sozialen Medien keine Menschen zu unterstützen, die ihre Kinder frei und unzensiert posten.Eines der wichtigsten Zitate, die die Message auf den Punkt bringen, ist für mich: "Sie darf nicht mit Fremden reden, aber die Fremden reden mit ihr." Besonders sichtbar wird das, als Sherry im Schwimmbad von mehreren erwachsenen Menschen umlagert wird.Sherry wurde adoptiert. Deshalb spielt das Thema Schuldgefühle eine Rolle. "Gerettet? Darf sie deshalb niemals Nein sagen? Weil sie sie gerettet haben? Muss sie deshalb immer mitspielen?" Nein, muss sie nicht. Und ich denke, das kann man auf sehr viele Situationen übertragen. Man darf dankbar sein, wenn jemand viel für einen gibt. Aber das bedeutet nicht, dass man demjenigen auf Lebenszeit verpflichtet ist. Ganz zu schweigen davon, dass Sherry sich nicht ausgesucht hat, adoptiert zu werden. Und der Kommentar ihres Vaters: "Solange du kein Geld mitverdienst, hast du hier gar nichts zu melden. Du lebst im verdammten Luxus. Sei dankbar über das Leben, das du hast." Nein, denn ihr stellt euer Kind ins Internet, ohne Mitspracherecht. Wer bringt euer Geld ein? Richtig, die Tochter. Sie bringt nämlich das ganze Geld mit ein.Das Buch behandelt eine sehr wichtige Thematik. Die Rückblenden brachten diese am intensivsten rüber, während die Szenen im Camp teilweise belanglos wirkten. Im Gesamten kam dadurch das Zusammengehörigkeitsgefühl rüber. Aber teilweise hatte ich das Gefühl zwei Romane zu lesen, weil ich die Szenen nicht zuordnen konnte. Trotzdem setzte sich am Ende alles wie ein Puzzle zusammen, auch wenn ich mir manchmal gewünscht hätte, dass man auch in der "Jetzt" Perspektive mehr über Sherry erfahren hätte.Schreibstil-Gefühl ¿¿¿¿,5Das Buch war sehr schön und nahbar zu lesen. Teilweise schlug ich mir mit der Hand vor den Mund oder lachte auf. Ich bin mit sehr hohen Erwartungen an das Buch herangegangen und diese wurden fast erfüllt. Das einzige, was mir fehlte, war mehr emotionaler Zugang zu Sherry. Aber der Fokus lag mehr auf ihrer Gedankenwelt, was andere Perspektiven erlaubte.Unterhaltung¿¿¿¿¿Ich hatte sehr viel Spaß an dem Buch. Ich habe es kaum aus der Hand gelegt. Sherry & die Freundesgruppe sind mir unglaublich ans Herz gewachsen, sodass ich mich über einen noch nicht existierenden zweiten Band gefreut hätte. Der Zeitstrahl der Gegenwart machte das Buch emotional leichter(was auch wichtig ist), sodass ich das Buch sehr vielen Menschen weiterempfehlen kann.