Erstmals auf Deutsch übersetzt, überrascht die dänische Autorin Annette Bjergfeldt mit ihrem neuen Roman Mr. Saitos reisendes Kino, erschienen im Oktober 2025 im Verlag HarperCollins. In 7 Wellen betrachten wir Carmelitas halbes und Fabiolas gesamtes Leben. Eine berührende Geschichte über die Umwege des Schicksals und die kleinen Momente des Glücks.
Die Autorin konnte in ihrem Heimatsland Dnemark bereits einige Erfolge verbuchen, feiert nun aber in Deutschland ihr Debüt und landet auch hier gleich einen Treffer. Einfühlsam beschreibt sie die Wege, die die beiden Protagonistinnen beschreiten sowohl im wörtlichen als auch im übertragenen Sinne. Fabiola wird bereits früh Mutter, sieht sich aufgrund von Korruption allerdings gezwungen ihre geliebte Heimat Buenos Aires mitsamt ihrer Tochter Carmelita zu verlassen. Geld ist selbstverständlich keines da, sodass die beiden blinden Passagiere weit vor ihrem eigentlichen Ziel, Paris, das Schiff verlassen müssen, auf welches sie sich heimlich geschlichen hatten. So führt sie ihre Reise auf eine kleine Insel vor Neufundland, die ihnen unverhoffterweise mehr bietet als nur eine vorrübergehenden Aufenthaltsort.
Der Roman teilt sich in 7 Wellen, die wiederum in Kapitel gegliedert sind. Das Abenteuer beginnt mit einer atmosphärischen Beschreibung der kleinen Gassen Buenos Aires, mit seinen spektakulären Tango-Clubs. Eine Gelegenheit, etwas über diese berühmte Tanzart zu lernen, denn die Autorin erwähnt neben beliebten Musikern auch bestimmte Schritte, die Liebhabern sicher bekannt sein werden. Dabei schreckt sie auch vor dem ein oder anderen Schimpfwort nicht zurück. Der namensgebende Charakter selbst taucht erst gegen Mitte der Erzählung auf, worunter die Geschichte jedoch keineswegs leidet. Im Gegenteil: die eher langsam getaktete Handlung erhält so die nötige Spannung, die bei cozy Reads mit den Tropes Found Family und Coming of Age sonst gerne mal auf der Strecke bleibt. Darüber hinaus bietet der Roman interkulturelle Kontakte mit japanischen, kanadischen und argentinischen Traditionen, welche allesamt sehr authentisch dargestellt und sicherlich ausführlich recherchiert wurden. Einige Worte, wie beispielsweise Teile von Songtiteln, werden dabei nicht aus dem Spanischen übersetzt, sodass Kenntnisse nicht zwangsläufig nötig sind, aber dennoch zusätzliche Einblicke bieten. Geschickt verbindet die Autorin geschichtliches Geschehen des Handlungszeitrahmens mit surrealen, fast magischen Elementen, die uns daran erinnern, dass wir die Welt stets durch die Augen der kleinen Lita erleben, die ihre kindliche Neugierde und Fantasie noch nicht verloren hat und in der kleinen Insel Upper Puffin soviel mehr Potenzial sieht als ihre Mutter Fabiola. Anschaulich führt ihre Erfahrung uns vor Augen, wie es der Magie des Films gelingt, Menschen all ihre Vorurteile und Sorgen einen Moment lang vergessen zu lassen. Dabei beschreibt die Autorin eindrücklich auch komplexe Themen wie Freiheit, Freundschaft und Familie. Dennoch ein Buch, das nicht zuletzt aufgrund von sexuellen Andeutungen, Erwähnung von Prostitution und Gewalt eher für ein erwachsenes Publikum geeignet ist. Aufgrund der Vielzahl der unterschiedlichen Charaktere und ihrer Verwandschaftsverhältnisse wäre außerdem ein entsprechendes Register von Vorteil gewesen.
Annette Bjergfeldt hat mit Mr. Saitos reisendes Kino eine Reihe liebenswerter und authentischer Figuren geschaffen, die man nicht zuletzt aufgrund ihrer Schwächen sofort ins Herz schließt. Mit viel Mut, Tiefe und etwas Witz lädt sie uns ein, auf den Spuren der Filmgeschichte zu wandeln und erinnert uns daran, dass das Leben trotz aller Schwierigkeiten kurz ist: Uns bleibt keine Zeit für etwas anderes als die Liebe. (S. 541).