Helga Schubert blickt zurück, auf das Sterben ihres geliebten Mannes, Derden (der, den sie liebte), auf die Woche nach seinem Tod, auf die Monate nach seinem Tod, aber auch auf Gemeinsames, Reisen, Reden, Lieben, Zweifeln. Ihr Ehemann, ein bekannter Psychologe, 17 Jahre älter als die Autorin, hat in seinem zweiten Leben nach einer schweren Krankheit, frühpensioniert, ein Hobby gefunden, dass wie ein Lebenswerk erscheint, er malte bis zu seinem Tod rund 800 Bilder. Die letzten Jahre seines Lebens glitt er in die Demenz, Helga Schubert blieb bis zu seinem letzten Atemzug bei ihm, pflegt und umsorgte ihn. Als er es noch konnte, half sie ihm bei seinen Ausstellungen und Veranstaltungen, die in ihrem gemeinsamen Haus in der Nähe der Ostsee stattfanden. Sie sprach die Texte zu seinen Bildern, war für das punktgenaue Abspielen der passenden Musikstücke zuständig. Beide einte die Liebe zur klassischen Musik, das vorgestellte Motto »Musik höre ich wehrlos.« von Roger Willemsen passt dazu, wie auch das ausgewählte Chopin-Nocturne Op. 9, Nr. 1. Davon angeregt habe ich während des Lesens Klavierkonzerte von Chopin gehört, perfect match.
Tag für Tag, Woche für Woche löst sich Helga Schubert auch gefühlsmäßig von dem Druck der Verantwortung, die sie über Jahre spürte, die sie trug, nicht als Last, sondern aus Liebe. Sie nimmt so viele Lesungstermine an wie noch nie, sie reist in entlegenste Orte für Gespräche und Veranstaltungen. Und wie von Zauberhand erhält sie Wünsche, die in Arbeit ausarten, sie soll einerseits in Klagenfurt die Eröffnungsrede für den Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb halten, 2026 mit zwei Jubiläen verbunden, 100. Geburtstag der Namensgeberin und bedeutenden Schriftstellerin, 50. Jubiläum der Veranstaltung, andererseits eine einstündige Schillerrede in Marbach im November 2026, als eine, ja sogar die erste aus dem Osten. Die erste Rede ist im Wortlaut in diesem Buch nachzulesen. Zum Glück war sie auf 20 Minuten begrenzt, aber das ist subjektiv, ich bin kein Freund langer Reden. An der Marbach-Rede schreibt die Autorin noch. Sie hat in beide jedenfalls eine immense Vorarbeit investiert, so viel gelesen, ja studiert. Da ziehe ich den Hut, ich bin noch einige Jahre jünger, aber diesen Enthusiasmus habe ich nicht mehr. Für die Schillerrede muss ich ihr die Daumen drücken!
Während all der Wochen und Monate nach dem Tod ihres Mannes beginnt dann aber auch eine Art Rekapitulation ihrer ehelichen Gemeinschaft. Warum hat sie, die Schriftstellerin sich immer für seine Bilder interessiert, aber er sich nie für ihre Bücher? Es klingt Wehmut an, auch bei der Frage, warum sie erst jetzt so unbeschwert das Haus verlassen kann. Ich glaube, bei all der Schwere der Trauer sucht sich in ihr ein Gefühl der Erlösung seinen Platz, ohne dass sie deshalb Schuld oder Scham empfindet. Das ist gut so, nur auf diese Weise kann sie loslassen und ohne schlechtes Gewissen zurück auf das Schöne blicken, dass sie gemeinsam hatten.
Schon 1989 war ihr ein Gedanke anlässlich des damaligen Bachmann-Wettbewerbs gekommen: Ich muss nicht notgedrungen auch ein gequälter Mensch sein, nur um einmal eine gute Schriftstellerin zu werden. Und genauso pragmatisch wie mit der Schriftstellerei geht sie nun mit ihrem Leben um, nimmt den Rollstuhl ihres verstorbenen Mannes und fährt ins Dorf zur ersten Seniorenweihnachtsfeier ihres Lebens. Herrlich.
Bevor ich es vergesse: Das Cover ist sehr stilvoll, Den Maler kenne ich gar nicht, aber hier macht das Zugreifen (wieder) Freude.
Ich wünsche dieser fantastischen Autorin noch viel Freude am Schreiben neuer Bücher, am Reisen, am Leben, an allem, woran sie glaubt. Möge sie glücklich und gesund immer älter werden.
Fazit: Ein Leben endet, aber das Leben hört nicht auf, Helga Schubert ist der Beweis. Lesenswert!
Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.