Männer sind nicht gerade bekannt dafür, ihre Gefühle bei jeder sich bietenden Gelegenheit kundzutun. Sie sprechen oft besser nicht darüber, weil sie es nicht anders kennen. Genau an dieser Stelle setzt Riccardo Simonetti mit seinem Buch Wann ist ein Mann ein Mann?! an.
In zehn Kapiteln beschäftigt er sich mit unterschiedlichen Facetten von Männlichkeit und der Frage, wie sehr unsere Vorstellungen davon geprägt sind. Dabei bringt Simonetti eigene Erfahrungen mit historischen und aktuellen Beispielen zusammen. Einen wichtigen Bestandteil bilden die Interviews mit neun Männern, darunter Guido Maria Kretschmer, Olivia Jones und Brix Schaumburg. Ihnen stellt der LGBTQAI+-Aktivist jeweils dieselben 15 Fragen zum Thema Männlichkeit und man merkt schnell, dass dieses Thema komplexer ist, als man vielleicht annimmt.
Simonetti selbst entsprach schon als Kind nicht den gängigen Erwartungen an einen Jungen. Er erzählt von Kleidung, seinem Körper und den Unsicherheiten, die entstehen können, wenn man früh mit der Einteilung in vermeintlich männliche und weibliche Eigenschaften konfrontiert wird. Das zeigt Simonetti unter anderem anhand von Mode. Männer trugen früher Absatzschuhe, Farben und Kleidungsstücke wechselten ihre geschlechtliche Zuschreibung. Solche Beispiele passen durchaus zum Thema, manches bleibt aber ziemlich naheliegend. Dass Männer in Schottland Kilts tragen, dürfte beispielsweise kaum jemanden überraschen. An solchen Stellen wirkt das Buch etwas zu ausführlich erklärend. Wer sich bereits mit Geschlechterrollen beschäftigt hat, wird deshalb nicht in jedem Abschnitt etwas Neues erfahren.
Auch das Cover spielt gelungen mit diesen Zuschreibungen. Der schwarz-weiße Ausschnitt eines männlichen Körpers im weißen Unterhemd erinnert zunächst an ein klassisches Männerbild. Darüber steht in kräftigem Rot der Titel Wann ist ein Mann ein Mann?! und stellt dieses scheinbar eindeutige Bild im selben Moment wieder infrage.
Deutlich ernster wird das Buch, wenn Simonetti sich mit männlicher Gewalt auseinandersetzt. Am Beispiel des Falls Gisèle Pelicot, aber auch anhand digitaler sexualisierter Gewalt, beschäftigt er sich mit Sozialisation, Macht und Kontrolle. Besonders nachvollziehbar erscheint dabei der Gedanke, dass Jungen häufig lernen, Angst, Unsicherheit und Verletzlichkeit zu unterdrücken, während Wut zu den wenigen Gefühlen gehört, die mit einem traditionellen Männerbild vereinbar sind.
An einigen Stellen geht Simonetti mit seinen Schlussfolgerungen allerdings recht weit. Gerade bei komplexen Themen wie Gewalt, Biologie, Sozialisation oder patriarchalen Strukturen werden persönliche Beobachtungen mitunter schnell auf größere gesellschaftliche Zusammenhänge übertragen. Das Buch ist daher weniger eine umfassende wissenschaftliche Analyse als ein persönliches gesellschaftspolitisches Plädoyer. Gerade seine eigene Perspektive macht es jedoch glaubwürdig. Simonetti nimmt sich von seiner Kritik nicht aus und reflektiert auch die Privilegien, die er selbst als Mann besitzt.
Überzeugend ist, dass er am Ende keine neue Definition von Männlichkeit an die Stelle der alten setzen möchte. Traditionelle Männlichkeit lehnt er nicht grundsätzlich ab sie hat für ihn selbst nur nie funktioniert. Entscheidend ist vielmehr, dass eine bestimmte Vorstellung davon nicht zum Maßstab für alle wird. Die titelgebende Frage erhält dadurch eine andere Richtung: Vielleicht geht es weniger darum, was ein Mann ist, als darum, was ein Mann alles sein darf.
Mit einem traurigen Schmunzeln las ich, dass es bei homosexuellen Männern als akzeptabel angesehen wird, wenn sie die gesellschaftlich als feminin betrachteten Attribute übernehmen. Aber stellt das nicht auch wieder eine Kategorisierung dar, fragt der Autor. Zudem werde diesen Männern in demselben Atemzug vermeintlicher Duldung auch jegliche Form von Männlichkeit abgesprochen. Schminke und lange Haare bekommen hier amputierenden Charakter, fast schon nach dem Prinzip: Du hast es nicht anders gewollt, nun musst du mit den Folgen deiner Taten leben. Nicht alles muss ausgesprochen werden, um dennoch so gemeint zu sein. Und sitzen die unausgesprochenen Gedanken oft nicht viel tiefer in den Köpfen?
Dieses Buch sollten alle lesen, die sich näher und vor allem ehrlich mit dem Thema auseinandersetzen möchten.