"Ist doch schön hier" ist der Debütroman von Miriam Burdelski. Wie sie im Nachwort erzählt, hat die Autorin selbst familiäre Wurzeln im ehemaligen Ostpreußen und ist mit ihrer Familie in die Gegend gereist ist, aus der ihre Oma als Kind vertrieben wurde. Dieses Thema hat sie zu diesem fiktiven Roman inspiriert, für den sie ganz neue Figuren erschaffen hat, die nicht ihren eigenen Verwandten entsprechen. Daraus ist ein sehr lebendig erzählter, tragischer Coming-of-Age-Roadtrip-Roman entstanden, der einen rasch in seinen Bann zieht.
Worum geht es? Liesel hat es wahrhaftig nicht leicht im Leben: gerade hat sie das Abitur erfolgreich hinter sich gebracht, muss sie sich mal wieder, wie schon öfters in ihrem Leben, mit wirklich schweren Themen herumschlagen, von denen die meisten Gleichaltrigen noch verschont bleiben: ihre Mutter Melanie hat sie als Teenager bekommen, aber ihr kaum eine wirkliche Mutter sein können. Antriebslos und depressiv schläft sie bis Mittag, bewegt sich meist nur vom Bett auf die Couch und wieder zurück, hat nie ins Berufsleben gefunden und lebt von Sozialhilfe.
Aufgezogen wurde Liesel deshalb von ihrer Oma Emmi, die bis vor kurzem ebenfalls mit den beiden in einer Wohnung gelebt hat. Emmi war für Liesel überwiegend eine liebevolle und fürsorgliche Großmutter, für ihre Tochter Melanie hatte sie aber kaum jemals ein nettes Wort übrig, hat sie verachtet und beschimpft. Und nun ist Emmi dement, wechselt zwischen klaren Momenten und dem Versinken ins Vergessen hin und her, ist mal freundlich, dann zornig, und lebt seit kurzem in einem Pflegeheim, wo Liesel sie regelmäßig besucht.
Liesel weiß, dass ihre Oma als 10-jährige 1945 gemeinsam mit ihrer Familie mitten im Winter aus dem damaligen Ostpreußen, dem heutigen Polen bzw. Russland (Kaliningrad) flüchten musste und aus dieser Zeit wohl heftige Traumatisierungen mit sich herumschleppt. Doch wirklich viel weiß Liesel nicht darüber, über vieles wollte die Oma nicht so wirklich reden. Nun möchte Liesel in diese Gegend reisen, um Antworten auf ihre Fragen zu bekommen, und das wird sie auch machen. Dann gibt es noch Jascha, ein junger Pole, der als Aushilfskraft im Pflegeheim arbeitet und Liesel kurzerhand auf der Reise begleitet. Und auch Emmi möchte unbedingt mitfahren, sobald sie von den Plänen erfährt.
Über zwei Drittel habe ich die Lektüre dieses Buches wirklich genossen. Nach dem allerersten Kapitel, das ein bisschen verwirrend sein kann, sich aber im Rückblick aufklärt, kommt man zügig in das Buch hinein, schließt die liebenswerten und lebensecht gezeichneten Charaktere ins Herz und erlebt mit ihnen einen interessanten Roadtrip mit so einigen unvorhergesehenen Stationen und Begegnungen. Warmherzig stellt das Buch dabei wie nebenbei tiefgründige Fragen dazu, was es bedeutet, im Moment zu leben, welche Prioritäten man setzen sollte und was im Leben wirklich wichtig ist. Den Großteil des Buches habe ich also sehr genossen und dachte schon, dass das ein Buch wird, das ich so einigen Menschen aus meinem Bekanntenkreis von Herzen empfehlen und vielleicht auch zu Weihnachten schenken werde.
Doch im letzten Drittel des Buches kommt der Hammer, der mich bis jetzt, wo ich das Buch zugeschlagen habe, emotional tief betroffen zurücklässt. Und eigentlich ist es nicht nur ein Hammer, sondern gleich mehrere hintereinander. Mir hätte die Fluchtgeschichten aus Ostpreußen und die Demenz der Oma als Hardcore-Themen schon gereicht, doch das Buch belässt es bei weitem nicht dabei, da kommt noch so einiges mehr dazu. Um nicht zu spoilern, kann ich inhaltlich hier nichts dazu sagen, außer, dass noch viel mehr geschieht, als dass Liesel Antworten auf so einige Fragen bekommt, und man mit Liesel zutiefst mitfühlt. Ganz am Ende versucht die Autorin noch einen kleinen positiven Ausblick, der mich aber an dieser Stelle nicht mehr glaubwürdig erreicht hat.
Somit empfehle ich das Buch nur psychisch stabilen Menschen, die sich auch von sehr harten Schicksalsschlägen, die lieb gewonnene Figuren treffen, nicht zu sehr runterziehen lassen. Es ist also insgesamt definitiv keine Wohlfühllektüre, auch wenn das Cover und der Einstieg das vermuten lassen, sondern ein Buch, das auch innere Bilder von mehreren richtig schlimmen Ereignissen entstehen lässt. Wer das gerade nicht in seinem Leben brauchen kann, der lasse lieber die Finger davon.
Insgesamt vergebe ich gute vier Sterne für ein ansonsten mitreißend geschriebenes, gut erzähltes und an vielen Stellen sehr warmherziges Buch, das insbesondere die Themen Demenz sowie transgenerationale Traumatisierung und ihre Auswirkungen auf Familienbeziehungen sehr gut recherchiert und authentisch behandelt. Auf weitere Bücher dieser talentierten Autorin bin ich gespannt.