Hinter musikalischen Genies steckt ja oft nicht nur ein Talent, sondern ein extrem ehrgeiziges Elternhaus. Man denke an Clara Schumanns Vater, der seine Tochter wie ein geschäftliches Großprojekt behandelte. Ähnlich erging es auch Maria Anna Mozart, genannt Nannerl, wie ich in diesem Buch erfahren konnte. Stefan Cordes erzählt die Lebensgeschichte dieser Klaviervirtuosin, die schon mit 12 Jahren gemeinsam mit ihrem Bruder Wolfgang in Städten wie Wien, Paris und London auftrat und als musikalisches Wunderkind gefeiert wurde.
Mit der Zeit wird jedoch nur noch Wolfgang als Komponist immer stärker gefördert, während Nannerl ihr Talent nicht weiter entfalten darf und ihre Träume aufgeben muss. Das machte mich richtig wütend auf den Vater Leopold. Weil er selbst als Musiker gescheitert ist, treibt er nun seine Kinder an und eifert nach Ruhm und Geld oft ohne Rücksicht auf ihre Bedürfnisse. Nannerls schwieriges Verhältnis zu ihm hat mich sehr bewegt. Einerseits fühlt sie sich übergangen, ungerecht behandelt und kämpft mit ihrem Schmerz und ihrer Enttäuschung, andererseits fühlt sie sich ihm verbunden. Ihr innerer Konflikt zwischen Pflichtgefühl und dem Wunsch nach Selbstbestimmung wird sehr einfühlsam beschrieben.
Gelungen fand ich auch den dramaturgischen Kontrast zwischen dem inneren Druck und dem äußeren Glanz. Die Geschwister treten in prächtigen Sälen am kaiserlichen Hof auf und werden als Attraktion präsentiert. Während Wolfgang spielerisch und mit Leichtigkeit auftritt, fühlt sich Nannerl nicht wie eine Künstlerin, sondern wie eine mechanische Puppe ohne Seele. Die festlichen Empfänge und Vorspiele verkommen zu Bühnen, auf denen der Adel und die Hofgesellschaft ihre Macht und Erwartungen demonstrieren.
Das Buch hat mir einen sehr interessanten Einblick in die ungleiche Entwicklung zwischen Wolfgang und Nannerl trotz der engen Geschwisterbindung gegeben und aufs Neue deutlich gemacht, in welchem Maße begabte Künstlerinnen durch gesellschaftliche Regeln eingeschränkt wurden.