Elisabeth Raether ist mir durch ihre Wochenmarkt- Rezeptkolumne ein Begriff gewesen - ihr Buch Wie ich gesund esse, ohne dabei komplett verrückt zu werden hat mich wirklich begeistert. In einem locker-sympathischen Ton hat sie einen wirklich klugen Anti-Ratgeber geschrieben für alle, die sich ganz entspannt gesund ernähren wollen.
Die Autorin plädiert für einen entspannten Umgang mit Ernährung, ganz ohne Verbote und Dogmen allein diese Grundhaltung gefällt mir total gut. Auch ich bin wie die Autorin der Ansicht, dass man keine Diäten braucht, sondern nur etwas gesunden Menschenverstand plus Gelassenheit.
Das Buch bricht bewusst mit dem modernen Diätwahn, der permanenten Selbstoptimierung und dem ewig schlechten Gewissen beim Essen. So beginnt das Buch provokant mit einem Stück Kuchen und endet mit einem gelassenen, entspannten Blick auf den eigenen Teller.
Die Grundregel von Elisabeth Raether ist es, meistens das Gute zu wählen, nur so viel wie nötig zu essen, und niemals etwas zu essen, das man gar nicht mag. Strenge Verbote schüren ihrer Ansicht nach den Heißhunger noch mehr (auch da stimme ich voll zu). Daher ist es besser, statt strengen Plänen und Verboten alltagstaugliche Gewohnheiten zu entwickeln und auf das eigene Bauchgefühl zu hören.
Mir fällt auf, wie intim es ist, darüber zu schreiben, was ich esse. Ihr wisst jetzt, dass ich eine unstillbare Sehnsucht nach Süßem in mir trage, und könnt daraus Rückschlüsse auf mein Wesen ziehen. Vielleicht hätte ich doch gern einen weißen Kittel. Er würde mich davor schützen, zu viel von mir selbst preiszugeben.
Es gibt eine Sprache über Essen, die überhaupt nicht intim ist. Man sagt: gesund, ungesund, vitaminreich, nährstoffarm, es schmeckt.
Aber ganz selten sagt man, wie man sich wirklich fühlt mit seinem Essen, oder liest davon, wie andere sich fühlen. Was bedeutet Essen für mich viele stellen sich diese Frage gar nicht. Wie esse ich? Muss ich ganz schnell es sen, weil ich tief drinnen fürchte, jemand könnte es mir wegnehmen? Tröstet mein Essen mich, weil niemand anderes es tut? Geht meine innere Anspannung nur dann weg, wenn ein Bissen meine Speiseröhre hinunterrutscht? Fühle ich mich wie erschlagen von meinem Essen, soll es mich betäuben? Will ich es einfach hinter mich bringen? Was habe ich heute eigentlich alles gegessen? Ich kann mich schon gar nicht mehr an mein Frühstück erinnern. Traue ich meinem Appetit? Nervt er mich? Hasse ich ihn?
Ich höre Podcasts über gesunde Ernährung. Darin geht es um Nährstoffe. Riboflavin. Polyphenole. Ein bisschen so, als würde ein Nutztier gefüttert werden, dessen Performance verbessert werden soll. Erhöhung der Milchleistung. Verbesserung der Eierproduktion. Ein technischer Vorgang.
Viel seltener geht es um Essverhalten. Essgefühle. Dabei ist Essen doch ein extrem emotionaler Vorgang. Oder nicht? Ist es nur für mich so?
Aber eigentlich geht es für mich gar nicht um die Zukunft, sondern ums Heute, um jetzt gerade.
Gesunde Ernährung heißt für mich: Schmerzfreiheit. Guter Schlaf. Keine Kopfschmerzen beim Aufwachen. Kein Opaseufzen beim Hinsetzen. Beweglichkeit. Energie. Keine Müdigkeitsattacken am Nachmittag. Ich will keinen Bluthochdruck, kein Diabetes. Ich finde Verstopfung unattraktiv, und ich will auch kein Sodbrennen.
So gesehen hält mich gesundes Essen gar nicht von etwas ab, sondern es gibt mir etwas. Ich muss keine Chipstüten vor mir selbst verstecken und mir auf die Finger schlagen. Denn: Ich erfülle mir ja einen Wunsch, wenn ich es manchmal sein lasse.
Das klingt ein bisschen nach George Orwells 1984. Krieg ist Frieden. Freiheit ist Sklaverei. Unwissenheit ist Stärke. Und Seinlassen soll Genuss sein? Verdrehe ich den Sinn der Wörter?
Aber Essen ist ja nicht nur Geschmack, Aroma, Appetit. Essen ist ein physischer Vorgang, zu dem noch mehr gehört, nämlich das Körpergefühl während des Essens und danach. Und das ist eine ebenso sinnliche Empfindung wie das Schmecken: Ich spüre, wie sich meine Magenwände dehnen, meinen klopsschweren Bauch. Oder ich stehe vom Tisch auf, zufrieden und in Gedanken bei dem, was kommt. Das ist der sweet spot, bei dem man keinen Hunger hat, aber sich nicht voll fühlt. Da will ich hin. Und das schaffe ich nicht, wenn ich zwei Teller Tortellini mit Käsesahnesoße esse. Essen kann Energie geben oder Energie nehmen.
Ein feiner, kluger und unterhaltsamer Essay, der zusätzlich auch noch ein paar praktische Tipps und feine Rezepte beinhaltet.
Mich hat das Buch begeistert, daher bekommt es von mir 5 Sterne und eine klare Leseempfehlung!
Vielen Dank an den Hanser Verlag und an NetGalley für dieses Rezensionsexemplar!