"Ich denke daran, wie wütend wir alle darüber sind, was das Patriarchat mit Mädchen macht. Aber wir ziehen wundervolle Jungs groß, uns was tut ihnen das Patriarchat an? Es zerstört alles Gute in ihnen."
Jessica Parks ist Richterin am englischen Gerichtshof und wird dort tagtäglich mit den Folgen des Patriarchats konfrontiert. Neben Kleinkriminellen und Drogendelikten verhandelt sie auch regelmäßig Straffälle, in denen es um Missbrauch und Vergewaltigung geht. Daher ist für sie schon bei der Geburt ihres Sohnes Harry klar: Sie möchte ihn so erziehen, dass er die Muster der Patriarchats durchschauen kann, Frauen und Mädchen respektvoll behandelt und es eines Tages besser macht als die vielen Männer, die Jessica vor Gericht sieht. Doch als ihr Harry sich mit Vergewaltigungsvorwürfen konfrontiert sieht, ist Jessica hin- und hergerissen. Zu gerne möchte sie ihrem Sohn glauben, der sagt, alles sein einvernehmlich gewesen. Doch das bedeutet gleichzeitig, die Geschichte des Mädchens in Frage zu stellen und nach Lücken in der Schilderung des Opfers zu suchen. Das kommt dem Opfer Blaming sehr nahe, das Jessica vor Gericht zutiefst verurteilt. Der ein oder andere Anwalt wurde von ihr aufgrund ähnlicher Taktiken bereits zur Ordnung gerufen. Uhr Mann, seines Zeichens Kronanwalt, pocht ebenfalls auf eine solche Strategie.
Suzie Miller schreibt mit "Inter alia" einen zweiten Gerichtsroman, der danach fragt, wem das Gericht eigentlich zu Recht verhilft. An einer sehr eindrücklichen Stelle erklärt Jessica, dass es vor Gericht nicht darum geht, wer moralisch im Recht ist, sondern wer seine Position den Geschworenen gegenüber am glaubwürdigsten vertreten kann. In dieser Aussage steckt bereits die Hälfte der Kritik, die den Kern von "Inter alia" ausmacht. Die zweite Hälfte steckt im allerersten Satz des Romans: "Scheiß Patriarchat!". Miller zeigt auf, wie alle - nicht nur Frauen und Mädchen - unter den gängigen Männlichkeitsvorstellungen leiden. Wie ein Bild vom starken Mann und von Frauen, die erobert werden wollen, noch heute unsere Vorstellungen prägt - und zu welchen dramatischen Situationen das führen kann. Auch hier gibt es eine eindrucksvolle Textstelle: Jessica und ihr Mann sprechen darüber, welche Werte sie Harry in der Erziehung mit auf den Weg gegeben haben, welche Gespräche zwischen Vater Michael und Sohn stattgefunden haben und inwiefern Michael als Vorbild für den Sohn dienen kann. Dabei erzählt Michael von seinem Aufwachsen und den Rollenbildern, auf die er heute nicht stolz ist, die er aber nicht ablegen kann. An kaum einer anderen Stelle wird so sehr deutlich, dass auch die Männer eine andere Welt wünschen, aber keine Zugang zu ihr finden.
Thematisch ist "Inter alia" also ähnlich stark wie "Prima Facie", der Aufbau konnte mich dieses Mal aber nicht ganz überzeugen. Denn insgesamt wirkt Millers Buch ziemlich konstruiert. Auch ohne den Klappentext gelesen zu haben, erahnt man bereits früh, welcher Figur hier welche Rolle zukommt. Dadurch entsteht leider auch eine ziemlich klischeehafte Zeichnung der meisten Figuren. Zwar ist Jessica eine Protagonistin mit Tiefe, die zwischen Mutterrolle und Karriere aufgerieben wird. Die Nebencharakter - der gemobbte Jugendliche, der verletzte Ehemann, die Anwaltskollegen - erscheinen dagegen oft holzschnittartig auf genau die Rolle zugeschnitten zu sein, die die Kernaussage des Romanes braucht.
Etwas zäh ist auch die erste Hälfte des Romans. Erstmal wird dem Leser eine ganze Menge Wissen über das englische Gericht und die Aufstiegschancen von Frauen erzählt. Ja, auch das hat mit dem kritisierten Patriarchat zu tun. Den Eindruck der gläsernen Decke und den Bedarf an feministischen RichterInnen hätte man aber kürzer fassen können.
Ich würde "Inter alia! daher in erster Linie als (wichtigen) Debattenroman verstehen und weniger als literarisches Meisterwerk.