. Wenn du also nach einem Buch suchst, das sich anfühlt wie ein verschollen geglaubter Agatha Christie-Roman, der nach Jahrzehnten in einer verstaubten Kiste wieder ans Tageslicht gelangt ist, dann solltest du Mord im Grand Alpine Hotel unbedingt lesen. Ein Krimi wie aus einer anderen Zeit, mit all dem Charme, der Atmosphäre und dem Rätselvergnügen, das man an den Klassikern so liebt. 4,5/5
. Aber worum geht es genau
Eigentlich sollte es eine entspannte Reise in die Schweizer Alpen für Miss Marple werden.
Doch es kommt natürlich alles anders als gedacht, als plötzlich ein Gast tot in einer Gondel gefunden wird.
Und wie wir Miss Marple nunmal kennen, kann sie es nicht lassen ihre eigenen Nachforschungen anzustellen und den Fall zu lösen
. In Mord im Grand Alpine Hotel begegnen wir der Geschichte aus verschiedenen Perspektiven, allen voran natürlich jener von Miss Marple. Zunächst war ich überrascht, dass dem Buch kein Personenverzeichnis vorangestellt ist. Doch schon nach wenigen Seiten wurde mir klar, dass es eines überhaupt nicht braucht. Vielmehr liegt gerade darin ein besonderer Reiz, die unterschiedlichen Charaktere nach und nach kennenzulernen, ihre Eigenheiten zu entdecken und sie voneinander unterscheiden zu lernen.
. Foley gelingt es auf bemerkenswerte Weise, das Lebensgefühl der 1950er-Jahre einzufangen. Es zeigt sich in der Sprache ihrer Figuren, in ihrer Kleidung und ihren Umgangsformen, aber auch in etwas, das sich nur schwer in Worte fassen lässt. Es ist dieses schwer greifbare Wesen einer vergangenen Zeit, das zwischen den Zeilen spürbar wird und die Geschichte mit einer ganz eigenen Atmosphäre erfüllt.
. Im Mittelpunkt steht ein Mordfall, wie er einem klassischen Kammerspiel-Krimi kaum besser zu Gesicht stehen könnte
ein überschaubarer Kreis von Verdächtigen, ein abgeschlossener Schauplatz und genügend Geheimnisse, um die eigenen Ermittlungen auf Hochtouren zu bringen. Das Ganze besitzt beinahe etwas Charmantes, wären da nicht die Leiche, die plötzlich auftaucht und die unangenehme Tatsache, dass sich unter all den vermeintlich kultivierten Menschen ein Mörder befinden muss.
. Mit dem Grand Alpine Express reisen wir durch eine atemberaubende Winterlandschaft, vorbei an puderfeinen Schneefeldern und majestätischen Bergen. Unser Ziel ist ein prachtvolles Hotel, in dem ein wohltuendes Spa, aufmerksames Personal und knisternde Kaminfeuer auf uns warten. Dazu eine heiße Schokolade für all jene, die den Skipisten lieber fernbleiben. Es ist beinahe ein kleines Wintermärchen, wenn man einmal von den mörderischen Zwischenfällen absieht.
. Auf den Kriminalfall selbst und die einzelnen Figuren möchte ich gar nicht näher eingehen. Zu groß wäre die Gefahr, versehentlich etwas vorwegzunehmen. Schließlich gehört es zum Vergnügen eines guten Krimis, selbst Verdächtigungen anzustellen, Spuren zu verfolgen und sich von den eigenen Theorien überraschen zu lassen. Deshalb bleibt meine Rezension selbstverständlich spoilerfrei.
. Besonders gut gefallen hat mir, wie mühelos sich das Buch lesen lässt. Foley erzählt unterhaltsam, mit einem angenehmen Gespür für Atmosphäre und Tempo, sodass ich schnell in die Geschichte hineingefunden habe. Da wir es hier mit einer klassischen Miss Marple-Geschichte zu tun haben, wirkt der Fall beinahe wie ein Verbrechen von überschaubarem Ausmaß.
. Nicht, weil es an Spannung mangelt, sondern weil der eigentliche Reiz weniger in der Brutalität des Verbrechens als vielmehr in den Geheimnissen der Beteiligten und der abschließenden Auflösung liegt.
Diese Geschichte war genau das, was ich mir erhofft und gewünscht hatte.
. Ebenso hat mich der Schreibstil überzeugt. Und Miss Marple ist ganz die Alte. Unauffällig und zurückhaltend wie eh und je, gewohnt, übersehen und unterschätzt zu werden. Während andere sie kaum eines zweiten Blickes würdigen, entgeht ihrem scharfen Verstand so gut wie nichts. Mit ihrer stillen Beobachtungsgabe beweist sie einmal mehr, dass man nicht laut auftreten muss, um den entscheidenden Hinweisen auf die Spur zu kommen.
. Der Kriminalfall ist spannend und reizvoll, ohne sich dabei in blutigen Abgründen zu verlieren. Hier erwarten uns weder grausige Todesarten noch blutgetränkte Räume. Stattdessen setzt Foley auf das, was einen klassischen Krimi ausmacht
eine stimmungsvolle Kulisse, interessante Figuren, verborgene Geheimnisse und einen raffiniert konstruierten Fall. Dazu kommt eine gelungene Darstellung Miss Marples, die dieser Geschichte ihren ganz besonderen Charme verleiht.
. Einen kleinen Wermutstropfen gab es für mich allerdings beim Ende. Die letzten Seiten wirkten etwas überstürzt und hinterließen nicht ganz die befriedigende Wirkung, auf die ich gehofft hatte. Ich möchte bewusst vage bleiben, um nichts vorwegzunehmen. Die eigentliche Auflösung war durchaus durchdacht und funktionierte für mich hervorragend. Doch die Art und Weise, wie sie schließlich umgesetzt wurde, fühlte sich nicht ganz stimmig an. Woran genau es lag, kann ich nicht einmal benennen, es blieb schlicht das Gefühl, dass dem Ende ein wenig mehr Raum gutgetan hätte.
. Alles in allem war Mord im Grand Alpine Hotel eine wunderbare Lektüre, in die ich mühelos eintauchen konnte und die mich von Anfang bis Ende bestens unterhalten hat. Die winterliche Atmosphäre, der klassische Kriminalfall und eine Miss Marple, die mit leiser Beharrlichkeit selbst den verborgensten Geheimnissen auf die Spur kommt, haben mir genau das Lesevergnügen beschert, das ich mir erhofft hatte.
. Ich hoffe sehr, dass Foley sich auch in Zukunft weiteren Miss Marple-Geschichten widmen wird. Ich werde jedenfalls die Augen offen halten und ganz fest die Daumen drücken!