Ich habe beim Lesen fast das Public Viewing in meiner alten Straße gehört: das Klimpern der Bierflaschen, dieses Kribbeln vor dem Elfmeter, die Nachbarn, die plötzlich Freunde waren. Tim Frohweins _2006. Sommermärchen des Jahrhunderts_ holt mich direkt in diese Wochen zurück nicht nur in die Spiele, sondern in das Gefühl von damals. An manchen Abenden musste ich das Buch kurz weglegen, weil ich selbst vor dem Fernseher saß und Klinsmanns Team anfeuerte 20 Jahre später, aber mit demselben Grinsen.
Was mich gepackt hat: Frohwein erzählt tageweise, und ich folge ihm wie einem Freund durch den Juni und Juli 2006. Da sind die Tore und Aufstellungen, ja, aber dazwischen stecken die kleinen Momente, an die ich mich kaum noch erinnerte welcher Song im Radio lief, wie ein Politiker plötzlich über Liberaldad sprach, wie unsere Straße ohne Absprache zur Fanmeile wurde. Das ist Fußball im Alltag, Gesellschaft als Stadion, und ich erkenne mein eigenes Sommer-Ich wieder.
Ich mag, dass er nie doziert. Er sortiert, verknüpft, lässt Leute zu Wort kommen; manche Begegnungen wirken wie Zufall und bleiben hängen. Kein Pathos, sondern Wärme und ein feiner Blick für Widersprüche. Für mich ist das weniger Geschichtsbuch und mehr Speicherkarte: Ich höre wieder Meiers Pfiff, rieche Wassermelone vom Balkon, spüre diese Leichtigkeit, die Deutschland damals kurz gehörte. Wer 2006 mochte oder verstehen will, warum so viele es mochten , sollte diese Reise mitgehen. Ich war dankbar, nochmal dabei zu sein.