
«Mütter prägen uns, auch wenn wir es nicht wollen, sie nisten sich in unseren Köpfen und Herzen ein, flüstern uns zu, schimpfen, trösten, tun es auch noch, wenn sie verstorben sind, tun es selbst dann, wenn wir sie nicht oder kaum kannten. Wir setzen unsere Schritte auf das, was wir dank oder trotz unserer Mütter wurden. Tragen sie darin für immer mit uns», schreibt Lena Gorelik.
Alle meine Mütter erzählt von einer besonderen, oft lebenslang komplexen Beziehung und auch davon, welche Mütter wir selbst zu sein versuchen. Wie wir manchmal scheitern, zweifeln, stolpern. Welche Ängste uns begleiten. Was uns bindet und prägt, was uns abhält. Was es heißt, ungewollt Mutter oder nicht Mutter zu sein, ein Kind anzunehmen, zu verlieren oder nicht loslassen zu können.
Tiefste Liebe, Zweifel, ganz verschiedene Formen von Glück - in der ersten Bindung unseres Lebens tritt der ganze Kosmos menschlicher Beziehungen zutage. Dieses Buch geht alle an.
«Tief bewegend, brutal ehrlich: einfach wunderbar.» Doris Dörrie
Besprechung vom 14.03.2026
Sprache fehlt immer am schmerzhaftesten Punkt
Lena Goreliks Roman "Alle meine Mütter" hat eine Beziehung zum Thema, der wir lebenslang nicht entkommen.
Von Rose-Maria Gropp
In einem Essay zum Thema des achten Gebots der Bibel, "Du sollst nicht stehlen" (Bilder und Zeiten vom 5. Oktober 2024), hat Lena Gorelik im Oktober 2024 unter der Überschrift "Wer bestiehlt hier wen?" geschrieben: "Alles, was ich schreibe, ist fiktiv und nicht fiktiv zugleich. Das stelle ich fest, um mich selbst nicht des Diebstahls bezichtigen zu können. (...) Anders gesagt: Nichts von dem, was ich schreibe, kann nur mir gehören. Außer der Sprache; vielleicht halte ich mich deshalb so an sie. Vielleicht suche ich deshalb länger nach Sprache als nach den Geschichten." Dieser Diebstahl der Fiktion ist doch Konstante jeder Literatur, die es wert ist, gelesen zu werden. Er ist die Grundlage für Lena Goreliks fesselndes Erzählen. Ihn hat sie auch in ihrem neuen Roman "Alle meine Mütter" begangen, der zugleich autobiographische Züge trägt, als fortwährende Selbstvergewisserung - und Selbstverunsicherung. Gleich zu Anfang steht: "Ich schreibe dies nicht für meine Mutter. Auch nicht für meine Kinder. Obwohl ich als Tochter schreibe, als Mutter in aller Verwundbarkeit, die in diesen Rollen steckt. Ich lege sie aus wie Pflastersteine. Wir setzen unsere Schritte auf das, was wir dank oder trotz unserer Mütter wurden. Tragen sie darin für immer mit uns." Mit dem Buchtitel markiert sie zugleich eine biologische Unmöglichkeit, die ihr den Raum ihres Schreibens weiter öffnet. In diesem Raum erkundet sie die Möglichkeiten von Sprache, der deutschen Sprache im Besonderen, die nicht ihre Muttersprache ist, die sie sich aber zu eigen gemacht hat.
Lena Gorelik wurde 1981 in Sankt Petersburg, damals noch Leningrad, geboren. Sie kam mit den Eltern, ihrem älteren Bruder und der Großmutter 1992 als russisch-jüdische "Kontingentflüchtlinge" zunächst in eine Asylantenunterkunft im schwäbischen Ludwigsburg. In ihrem ersten Roman, "Meine weißen Nächte", der sie gleich bekannt machte, hat sie 2004 diesen kulturellen Transit des Mädchens, der jungen Frau durchaus mit Sinn für Komik geschildert. Das Thema nahm sie 2021 in "Wer wir sind" noch einmal auf, anders mit ernstem Blick auf ihre Familie und ihre (post)migrantische und jüdische Identität in Deutschland.
Im aktuellen Buch nun gilt der Fokus der lebenslang unauslöschlichen Beziehung zur Mutter, den Bedingungen und Verhinderungen mütterlicher Existenz. Das Buch heißt Roman, ist aber eine kaleidoskopische Aneinanderreihung einzelner Geschichten und Reflexionen; es gibt keine chronologische Kontinuität, keinen klassischen Erzählfluss. Das erste Kapitel ist, wie noch einige weitere, überschrieben mit "ich" - kleingeschrieben. Wo also dieses "ich" schreibt, geschieht es, könnte das meinen, als ein Erkunden, nicht als das sich selbstbewusst behauptende "Ich" der gesprochenen Sprache.
Ebendiese feine Unterscheidung markiert Goreliks skrupulösen Umgang mit Sprache. Gleich das zweite Kapitel, "Maschutka" (etwa "kleine Mascha"), entwirft die Dystopie einer russischen Abtreibungsklinik, die von der Autorin selbst so nicht erlebt worden sein kann. Für ihre erzählende Beschreibung dieses "Systems" hat sie sich, bestimmt wissentlich, einiger Stereotypen bedient, die das dahinterstehende Elend veristisch, fast brutal evozieren; und sie nennt auch Zahlen: "Mitte der Sechzigerjahre wurden allein in der Russischen Sowjetrepublik jährlich über fünfeinhalb Millionen Abtreibungen durchgeführt", schreibt sie auf. Viel später im Buch wird man erfahren: "Eine alleinerziehende Mutter, die in meiner Muttersprache wörtlich übersetzt ,Mutter-Einzelgängerin' heißt, hat irgendwie versagt. Deshalb ist der Vater, wie man in meiner Muttersprache sagte, ,von ihr weggegangen'." Wieder unter der Überschrift "ich" notiert Gorelik im dritten Kapitel: "Ich möchte über Mütter und Nicht-Mütter schreiben, über Frauen*, die Mütter sein müssensollendürfenkönnenwollen, und über all jene, die nicht Mütter sein müssensollendürfenkönnenwollen; über uns, die wir Kinder von Müttern sind, selbst wenn wir es vielleicht nicht sein wollen." Gorelik erweitert ihren Sprach- und Denkraum, indem sie konsequent gendert, nicht nur mit dem Gender-Doppelpunkt, sondern sie setzt hinter die Wörter Frau und Frauen einen Asterisk (*), um Geschlechtervielfalt zu betonen, mithin auch wo es um Mutterschaft geht.
Entschlossen spielt sie ihre literarische Recherche in diversen Varianten durch. Wenn es dann um die (vielleicht reale) alternde Mutter der Autorin geht, sind das Szenen einer schwierigen Intimität, körperlich wie seelisch. Einmal heißt es, von der Tochter zur Mutter: "Hattest du die Krankheit, die da unten, vergessen oder wolltest du vergessen, es mir zu sagen?" Das Unausgesprochene ist "da unten" im Leib: "Die Sprache, denke ich heute, fehlte uns immer am schmerzhaftesten Punkt." Später stellt sie im Kapitel "Julia" eine junge Frau vor drei Optionen einer mütterlichen Zukunft. Diese Julia erklärt nach ihrem ersten Beischlaf mit siebzehn Jahren: "Ich werde niemals Kinder haben." Doch die Geschichte von Julia Specht "könnte auch anders gehen", als "Löwenmutter" zweier Söhne: "Sie liebt sie über alles, Luca und Jannis. Sie würde ihr Leben für sie geben, und irgendwie hat sie das schon getan. Sie hat ihr Leben für deren Leben gegeben, das ist vielleicht das Problem." Die dritte Version sieht Julia, die sich lieber "Jules" nennt, als (vielleicht ungewollt) kinderlos, ihr Lebenspartner ist gegangen. "Die Kreise werden kleiner, aus denen sie herausgefallen ist. Die Keimzelle der Familie, denkt Jules, ist eine ,gated community'. Wer eintreten will, muss am Eingang ein Kind vorzeigen, und sie hat versagt." Ganz anders setzt Lena Gorelik fast am Ende, im Kapitel "Adam", Pathos kalkuliert ein, tastend nach einer Sprache für das Leiden. In einer Fußnote steht, dass die Zitate über den einzelnen Erzählungen aus Interviews mit Müttern stammen, deren Kinder in Kriegen getötet wurden; einmal steht dort: "Der Schmerz wird nie weggehen. Es geht um Dinge, die sich nicht vergessen lassen. Wir gebären sie, nur um sie zu verlieren." Für "Alle meine Mütter" gibt es keinen Notausgang in die Gleichgültigkeit, die Intensität des Buchs lässt das nicht zu. Gestohlen, fiktiv oder wirklich; weiblich männlich, nonbinär - niemand entkommt seiner Kindschaft.
Dass Lena Gorelik sich auch mit ihren Essays und Vorträgen auf öffentlicher Bühne gesellschaftspolitisch einmischt, wird nun mit dem Preis der Literaturhäuser 2026 geehrt. Sie war, gemeinsam mit Miryam Schellbach und Mirjam Zadoff, Herausgeberin des 2024 erschienenen Bands "Trotzdem sprechen", der nach dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 dafür eintrat, im Dialog zu bleiben: "Das Buch ist ein Plädoyer für Menschlichkeit in Zeiten von Hass, Hetze und Rechtspopulismus", steht in der Begründung. Die Preisverleihung wird am 19. März auf der Leipziger Buchmesse stattfinden, die Laudatio auf Gorelik hält Mirjam Zadoff, die Direktorin des NS-Dokumentationszentrums München.
Lena Gorelik: "Alle meine Mütter". Roman.
Rowohlt Verlag, Hamburg 2026.
268 S., geb.
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