Sanditz ist ein fikitver Ort in Ostsachsen. Landschaftlich und gesellschaftlich dominiert durch den Tagebau versammeln sich hier verschiedenste Persönlichkeiten mit ihren ganz eigenen Geschichten. Wir erleben den Wandel von einem durch den voranschreitenden Tagebau gefressenen und dann neu wieder aufgebauten Ort zu DDR-Zeit hin zu einem Ort, dessen Bewohner in den 2020er Jahren mit ganz eigenen und globalen Problemen zu kämpfen haben. Dabei entwirft Lukas Rietzschel ein grandios erfundenes Wimmelbild, welches exemplarisch für viele Orte und Biografien steht, ohne jemals auf Klischees zurückzugreifen. Meines Erachtens ist dies Rietzschels stärkster Roman, der in seiner Breite und ohne Moralisierungen das spannende Bild eines Ortes und seiner Geschichte(n) zeichnet.
Dabei nutzt der Autor eine halbchronologische, episodenhafte Erzählweise, die aus vielen kleinen kachelartigen Versatzstücken das Bild von diesem Sanditz und seinen Bewohnern heraufbeschwört. Man kann sich jede Kachel für sich allein ansehen und betrachten, tritt man allerdings einen Schritt zurück, sieht man das ganze Ausmaß der Geschehnisse. Auch wenn wir hier eine zentrale Familie, Familie Wenzel, haben, deren Mitglieder wir immer wieder treffen, so handelt es sich aber keinesfalls um einen Familien- oder Generationenroman. Nach und nach setzen sich während fortschreitender Lektüre die Lebensgeschichten der Protagonisten zusammen. Das führt zu vielen kleinen Spannungsbögen, da wir zwischen den 1970er und 2020er Jahren hin und her springen bzw. uns von den 1970er Jahren an unsere Gegenwart heranarbeiten.
Währenddessen greift Rietzschel verschiedene Themen auf, wie die Zerstörung von Ortschaften durch fortschreidenden Tagebau und den damit verbundenen Verlust von Heimat; das kränkelnde System der DDR mit ihrer Bespitzelung und dem entgegengesetzt der Zusammenhalt und Freiheitsdrang einer Glaubensgemeinschaft; die Identitätssuche nach einer Wende, die nicht so ablief, wie es sich viele gewünscht hätten; bis hin zur Suche nach einer Lebensaufgabe, selbst wenn dies mit dem Aufgeben des Lebens durch das Ziehen in einen Krieg bedeutet.
Erstaunt war ich über die breit gefächerte Themenpalette des Romans, ohne dass ich das Gefühl gehabt hätte, es werden Themen nur kurz angeschnitten oder des reinen Effekts wegen aufgegriffen. Alles hängt hier miteinander zusammen. Manchmal offensichtlich, manchmal sehr hintergründig. Er nutzt außerdem gekonnt Sagenfiguren, um Verbingungen zu verdeutlichen und zwischen historischen Ereignissen und der Gegenwart herzustellen.
Die Figurenzeichnung erscheint sowohl exemplarisch wie auch ganz individuell. Und dies nicht nur bei Hauptfiguren sondern auch und gerade bei Nebenfiguren, die keineswegs als reine Staffage gelten.
Zuletzt möchte ich noch erwähnen, dass ich über die detaillierte Darstellung der Kämpfe in der Ukraine erstaunt war. Dies hatte ich so nicht erwartet. Und für mich war es eine Bereicherung, weil sich für mich gezeigt hat, dass fernab der modernen Technik (Drohnen etc.) der Infanterie-Kampf heutzutage im Krieg immer noch genauso schrecklich abläuft wie schon während des ersten Weltkrieges. Ich hatte das Gefühl, ich könnte hier Das Feuer von Barbusse neben die entsprechenden Passagen aus Sanditz legen. Erschreckend und eindringlich!
Für mich handelt es sich hier um einen ganz großen Roman, der mich voll und ganz gepackt hat und den ich regelrecht eingesogen habe. Eine klare Leseempfehlung für Lukas Rietzschels dritten Roman!
5/5 Sterne