"Und das Kind? Das Kind? Würde sie es lieben -? Würde sie es hassen? Würde es ihr ebenso gleichgültig bleiben wie alles andere auf dieser Welt, weil ihr Gefühl überhaupt gestorben war, an der fürchterlichen Enttäuschung, die sie erlitten hatte?"
Weit abseits aller neugierigen Blicke, tief in der schwäbischen Provinz, führt die Hebamme Frau Uffenbacher eine "Anstalt", in die sich Frauen zurückziehen können, die ein außereheliches Kind zur Welt bringen müssen. Auch die Schriftstellerin Cornelie Reimann findet sich an diesem Ort wieder, nachdem sie von ihrem Liebhaber schwanger wurde. Nach und nach lernt sie die anderen Frauen kennen und versucht, sich im Tränenhaus und unter der Fuchtel der Uffenbacher ein selbstbestimmtes Leben zu erkämpfen.
"Das Tränenhaus" ist ein stark autobiografisch gefärbter Roman, in dem Gabriele Reuter ihre eigenen Erfahrungen in einem solchen Geburtshaus verarbeitet. Dem Roman merkt man dieses Wissen, dieses tiefe Empfinden an, aber gleichzeitig ist er auch geprägt von den philosophischen Gedanken der hochgebildeten Schriftstellerin. Bisweilen schwülstig könnte man das nennen - aber gerade das erzeugt einen unwiderstehlichen Kontrast zu den großen und kleinen Alltagsproblemen der Bewohnerinnen des Tränenhauses, die in den unterschiedlichsten Dialekten verhandelt werden. Es entsteht ein herrliches Lokalkolorit, sowohl durch Landschaftsbeschreibungen als auch durch die verschriftlichte Mundart.
Cornelie Reimann passt in dieses Bild zunächst einmal überhaupt nicht hinein. Sie wirkt auf die anderen Frauen adelig, hochgeboren, spricht Hochdeutsch, hat Berge von Büchern im Zimmer, schreibt an ihrem neuen Buch, empfängt Briefe aus allen möglichen Ländern. Anfangs schottet sie sich deshalb auch von den anderen Frauen ab, isst allein im Zimmer, will nicht gesehen werden. Doch irgendwann taut Cornelie auf, öffnet sich den anderen Frauen - dem lebensfrohen Annerle, der jungen Toni. Sie bietet der Uffenbacher die Stirn, sie erkennt das Potenzial, als bekannte und beliebte Schriftstellerin ein Zeichen zu setzen und so allen Frauen in dieser schwierigen Situation Vorbild und Stütze zu sein.
Für mich ist der Roman damit primär ein Manifest weiblicher Solidarität. Egal, wie unterschiedlich die Herkunft oder die Sprache - alle diese Frauen haben gemeinsam, dass sie ungewollt und außerehelich schwanger sind. Alle müssen mit diesem Stigma kämpfen, es vor Familien geheim halten, sich für den weiteren Weg entscheiden, das alleine durchstehen. Denn die Männer glänzen vor allem durch Abwesenheit. Die Schwangerschaft ist für sie ein Problem, das sie sich leicht vom Hals schaffen können - im Gegensatz zu den Frauen, die völlig darin verhaftet sind. Es ist also auch eine Reflexion über Geschlechterrollen, das Verhältnis zwischen Männern und Frauen, die grundlegende Verschiedenheit der sozialen und biologischen Realitäten. "Frauenprobleme" interessierten nicht, das sollen die nur ruhig unter sich ausmachen und wiederkommen, wenn sie wieder zu etwas zu gebrauchen sind - so die Männer in diesem Buch.
Auf der anderen Seite nutzt eine Frau wie die Uffenbacher diese Not schamlos aus, serviert schreckliches Essen, bietet schmutzige Unterkunft, diffamiert ihre Schützlinge, und lässt sich das dann wiederum gut bezahlen. Cornelie steht mutig für ihre Mitbewohnerinnen ein, aber die Uffenbacher ist schwer auszuhalten. Die ganze Konstellation wirkt grotesk - im Dorf leben die Ziehmütter, an die die Säuglinge nach der Geburt weitergegeben werden. Wie ein erweiterter Kinderhort. Eine ganze "Schattenindustrie" quasi, die um das Thema uneheliche Mutterschaft aufgemacht wird.
Cornelies Entwicklung ist in dieser Umgebung beeindruckend und berührend. Sie lernt sich selbst kennen, sie öffnet sich den anderen Frauen, sie sieht ihre Chance auf Glück mit Kind und Beruf - und ohne Mann. Aus der gesellschaftliche stigmatisierten Situation erwächst ein individuell gestaltbares Schicksal, das sich vielleicht doch noch zum positiven lenken lässt, das schön und warm und freundlich sein kann. Und das ist auch heute alles aktuell - es sind natürlich immer noch die Frauen, die mit ungewollten Schwangerschaften am meisten zu kämpfen haben, die versuchen, die Männer zu involvieren, die sich kümmern müssen, egal in welcher Form. Somit ist dieser Roman, der Anfang des 20. Jahrhunderts in Schwaben spielt, nicht nur als historisches Dokument zu lesen, sondern als Genese einer solidarischen Frauenbewegung, als Mahnmal dafür, füreinander einzustehen und sich zu unterstützen statt sich gegenseitig schlechtzumachen, zu verleugnen, abzuwerten. Auch heute berührt dieses Buch deshalb, es ist eine zeitlose Geschichte über das Frausein, Mutterwerden, die Unterschiede der Geschlechter und die Chancen, die darin für die Verschwesterung liegen. Große Empfehlung.