In Insel der Ratten beschreibt Jo Nesbø die Welt nach einer Pandemie. Die gesellschaftliche Ordnung ist zusammengebrochen, es gilt das Recht des Stärkeren. Gangs beherrschen das Straßenbild, Recht und Ordnung sind außer Kraft gesetzt. Wer es sich leisten kann, zieht sich an sicheren Orten wie Bunker, Inseln und Schiffe zurück. Der ärmere Teil der Bevölkerung aber kämpft tagtäglich ums Überleben.
Im Zentrum der Geschichte stehen der Rechtsanwalt Will und sein Freund, der reiche Unternehmer Colin. Ihre Freundschaft steht auf der Kippe, als ausgerechnet Colins Sohn Brad zusammen mit seiner Bande Wills Familie überfällt, seine Frau vergewaltigt und seine Tochter entführt.
Die Handlung wird in einer Rückschau aus verschiedenen Perspektiven erzählt. Der Schreibstil ist flüssig zu lesen. Die Sprünge in Zeit, Ort und Erzählersicht sind gut zu bewältigen. Insgesamt ist der Grundton der Dystopie sehr düster und desillusioniert. Ich habe mich direkt in die Anfänge der Corona-Zeit zurückversetzt gefühlt, als man noch nicht wusste, wie es weitergehen wird und große Unsicherheit geherrscht hat. Tatsächlich hat Jo Nesbø diesen Kurzroman als Teil eines Sammelbandes schon 2021 unter dem Eindruck von Corona veröffentlicht.
Insel der Ratten ist ein tiefgründiger, moralischer Roman, der die Frage stellt, ob und wie weit man sich in einer auseinanderbrechenden Gesellschaft noch an die früher geltenden Regeln halten kann oder ob Egoismus und Selbstjustiz die einzigen möglichen Handlungsoptionen sind. Auf jeden Fall habe ich mich beim Lesen immer wieder gefragt, wie ich gehandelt hätte.
Der Plot ist sehr spannend und die Handlung gut durchdacht. Die Beweggründe der Protagonisten sind immer nachzuvollziehen, allerdings hatte ich durchweg das Gefühl der Distanziertheit. Eventuell liegt das daran, dass sehr viel Handlung in der Kürze des Romans untergebracht werden musste und dadurch die emotionale Seite nicht genügend Raum hatte. Gerne hätte ich mich etwas mehr in die Personen hineingefühlt.
FAZIT: Eine spannende und beängstigende Dystopie, die mit Bezug auf Corona mehr als realistisch erscheint. Mit 4 von 5 Punkten eine klare Leseempfehlung für Fans des Genres.